Startseite | Kontakt | Impressum | Datenschutz

Freak Valley Festival 2015 – Ein Bericht von Sam On The Rocks

oder auch: Ein musikalisches Märchen wie „Alle Jahre wieder..“

Seit nun mehr als vier Jahren findet in dem beschaulich kleinen Dörfchen Netphen/Deutz bei Siegen ein Festival der besonderen Art statt. Besonders auch aus dem Grund, dass dieses Festival von einem Verein aus Musikliebhabern veranstaltet wird und nicht von einer kommerziell ausgerichteten Firma, die Gewinne erzielen muss. Das hat den schönen Nebeneffekt, dass alles auf und um dieses Festival so ausgerichtet ist, dass es sich möglichst jeder Musikliebhaber auch leisten kann. Fast alle Waren sind Fair gehandelt und/oder aus regionaler Produktion und werden zu Preisen verkauft, die man auf anderen Festivals vergeblich sucht. Herzhafte Burger vom regionalen Foodtruck mit den besten und frischesten Zutaten und gutem Fleisch gibt es für einen „Heiermann“, vegetarische Wraps, vegane Reispfannen, große Portionen von frisch gebratenen Bratkartoffeln oder lecker frittierten Pommes für weit unter 5 Euro, Bier für 2,50 Euro, fair gehandelten frisch gepressten Kaffee für 2 Euro im großen Becher und stilles Wasser gratis, da kann man es sich rundum gut gehen lassen. Dazu dann noch ein buntes Angebot aus Backwaren, Pizza, Eintöpfen, Cocktails und noch einigem mehr. Aber man fährt ja nicht zum Essen und Trinken auf ein Festival, sondern hauptsächlich wegen der Musik. Und seit vier Jahren präsentieren die Rockfreaks ihren Gästen ein so hochkarätiges 3tägiges Programm, das seinesgleichen wahrlich sucht. In diesem Jahr waren neben den inzwischen weltweit erfolgreichen Blues Pills wieder sensationelle Perlen im Line up zu entdecken, wie zum Beispiel Monkey3, Tuber, Freedom Hawk, Valley Of The Sun, The Muggs, Kamchatka, Earthless…. Im Grunde könnte ich jede Band aufzählen, die dort gespielt hat, denn wie auch schon in den vergangenen Jahren beweisen Jens Heide und seine Rockfreaks ein einzigartiges Gespür für gute handgemachte Musik aus aller Welt, die sich in den Genres Stoner-, Psychedelic-, Retro-, Hypnotic-, Blues- und Kraut-Rock tummeln. Inzwischen verlasse ich mich schon blind darauf, denn in unseren mittlerweile drei Jahren beim Freak Valley haben wir noch nicht eine einzige Band erlebt, die nicht gut gewesen wäre. Sicher gefällt einem die eine Band mal mehr und die andere mal weniger hervorragend, aber bisher war nicht eine Band dabei, wo man hätte sagen können sie sei nur „Füllmaterial“ oder gar schlecht.

So viel zunächst zu den einleitenden Worten, die nun gefolgt werden von den Berichten zu den einzelnen Konzerttagen in diesem Jahr und einem abschließenden Gesamtresumé des diesjährigen Freak Valley Festivals.

Donnerstag 04.06.2015



Den Auftakt an diesem noch leicht bewölkten, aber angenehm temperierten Donnerstag machen The Cyborgs aus Italien. Ein Schlagzeuger und ein Gitarrist, welchen ihre Gesichter mit Schweißermasken verhüllen, und diese Maskerade sogar bis zum Merchstand konsequent durchziehen. Man mag sowas vielleicht für albern erachten, aber bei den beiden hat es schon etwas kultiges an sich. Nicht zuletzt auch, weil sie es durch ihre Musik schaffen bereits um 15 Uhr erstaunlich viele Leute aufs Gelände zu locken. Es ist irgendwie ein wenig Rock´n Roll, ein wenig Blues, ein wenig Boogie und eine Prise Elektronic, gepaart mit der verfremdeten Stimme des Sängers und Gitarristen „Cyborg – 0“. Am Schlagzeug tobt sich „Cyborg – 1“ aus, und wer jetzt denkt „nur Schlagzeug und Gitarre? Da kann ja nicht viel bei rum kommen“ der irrt gewaltig! Es grooved, es macht Spaß den beiden zuzusehen und sie gehen auch ziemlich ab hinter den Masken. Und so kann man ohne etwas zu beschönigen sagen, dass diese beiden schrägen Vögel definitiv einen Auftakt geliefert haben, der diesem Festival gebührt!

Nach den zwei Italienern ist die Bühne bereit für Mountain Witch aus Hamburg.Diese Stadt scheint ebenfalls ein Schmelztigel für die Retro- und Stoner-Rock Szene zu werden, wie es Berlin schon ist. Kommerziell erfolgreiche Bands wie Kadavar oder Geheimtipps wie The Odd Couple kommen aus der Hauptstadt und Hamburg zieht nach mit Bands wie Hyne, High Fighter und eben den 2009 gegründeten Mountain Witch. Ohne dies zu wissen würde man sie zunächst aus den Staaten vermuten, aber weit gefehlt. Ihr Sound entspringt definitiv den Black Sabbath geprägten 70ern und paart Doom mit Heavy Rock. Die Vocals sind sehr reduziert und kommen hauptsächlich vom Schlagzeuger Rene. Am heutigen Tag, wo sich so langsam die Sonne hervortraut, ist ihr doomiger Sound genau das Richtige für das erste kühle Bier des Tages. Auf der Bühne allerdings wirken die drei eher statisch, was leider auch eher zum gemütlichen chillen beiträgt, als zum abgehen vor der Bühne. Nichts desto trotz sind Mountain Witch eine Band, die man im Auge behalten sollte.

The Muggs aus Detroit stehen als nächstes auf dem Plan. Bereits 2013 rockten die drei Vollblutmusiker auf dem Freak Valley und begeisterten auf ganzer Linie. In diesem Jahr sind sie mit einem neuen Album gerade in Europa auf Tournee und somit auch wieder auf der Bühne in Netphen/Deutz. Sie selbst beschreiben sich als hässlichste Band der Welt, was zum Teil vielleicht auch nicht ganz gelogen zu sein scheint, aber das machen sie durch ihre Musik mehr als wett! Energiegeladener Retro-Blues-Rock, welcher einen in die Hochzeiten von Led Zeppelin, The Who, Rory Gallagher und teilweise sogar in die texanische Bart-Fraktion von ZZ Top katapultiert.

Es grooved und reißt mit, die Menge vor der Bühne wird stetig größer und immer mehr wird getanzt und gejubelt. Insofern kann man schon behaupten, dass der erste Höhepunkt des Tages erreicht ist. Dass Tony, Danny und Todd ebenso viel Spaß auf der Bühne haben ist unverkennbar und wird sich auch im anschließenden Interview mit den Jungs bestätigen.

Mit Gas Giant steht nun ein ganz besonderes High Light auf der Bühne. Gegründet haben sich die vier Copenhagener 1998 als die Welle um Bands wie Kyuss oder Monster Magnet langsam abebbte. Bis zu ihrer Trennung 2006 haben sie aber die Fahnen für die Fusion aus 60er, 70er Jahre Retro und 90er Stoner-Rock hochgehalten. Ihre teils hypnotisierenden Songs, die sich bis zu totaler Extase hochschrauben und die Entscheidung an der Sportzigarette zu ziehen oder total auszurasten nicht einfach machen, haben bis heute nicht an Kraft verloren. Und so begeistern sie durch ihre Reunion in diesem Jahr auf ganzer Linie. Hier beim Freak Valley haben sich die Skandinavier genau den richtigen Ort ausgesucht um der begeisterten Menge zu zeigen, dass sie bis heute immer noch eine Größe sind, an der man nicht vorbei kommt.

Nach Skandinavien geht die Reise nun wieder in die Staaten, den Goatsnake entern die Bühne. 1996 gründeten sich die US Amerikaner und ihr Debutalbum 1998 wurde mehr als gefeiert. Nach 2004 wurde es aber sehr still um die Band, in Folge dessen war die Bestätigung für dieses Festival eine tatsächliche Besonderheit. Leider können wir dem Auftritt nur sehr kurz beiwohnen, da das Interview mit The Muggs ansteht und durch ein weiteres spontanes Interview mit Dorian von den Blues Pills gefolgt wird.

 

 

 

 


Pünktlich zum Auftritt der Blues Pills sind wir wieder vor der Bühne. Bereits im vergangenen Jahr brachte diese aus aller Herren Länder zusammen gewürfelte Band  das Publikum zum kochen, und das, obwohl es 2014 auf Deutsch gesagt schweinekalt war.

In diesem Jahr spielt das Wetter aber mit, und so wird ihr diesjähriger Auftritt umso extatischer gefeiert. Was viele nicht wissen ist, dass diese Ausnahmeband ihren Namen tatsächlich durch das Freak Valley Festival gefunden hat. Genaugenommen durch den gleichnamigen Musikblog von Chef-Booker Jens Heide. Nicht zuletzt deshalb werden die Blues Pills wohl auf ewig mit diesem Festival verbunden bleiben. Auf der Bühne geben die vier Ausnahmemusiker aus Iowa, Schweden und Frankreich alles. Leider scheint die räumliche Distanz der Vier noch ein kleines Problem zu sein, denn trotz ihrer erfolgreich ausverkauften Tourneen auf der ganzen Welt wirken sie auf der Bühne optisch immer etwas separiert und nicht wie eine Einheit. Ihr musikalisches Niveau bleibt davon aber unberührt, und so soll das auch nur ein ganz kleines Manko sein, welches kaum ins Gewicht fällt. Ihr erneuter Auftritt in diesem Jahr wird somit vom Publikum jubelnd gefeiert und ist ein exzellenter Abschluss für diesen ersten Festivaltag.

Freitag 05.06.2015

C+C Maxigross hören wir an diesem Morgen nur vom Parkplatz aus, da wir etwas zu lange genächtigt hatten. Bei frischem Kaffee und einer herrlich strahlenden Morgensonne am blauen Himmel gehen wir den zweiten Festival Tag einfach mal etwas gechillter an. Für heute haben wir uns vorgenommen einfach mal nur die Konzerte zu schauen und den Großteil der Interviews auf den Samstag zu legen.


Mit Freedom Hawk starten wir dann vor der kleinen Wake & Bake Stage. Auf diese Kerle aus Virginia scheinen sich auf jeden Fall eine Menge Leute zu freuen, denn trotz der frühen Mittagszeit und der kleinen Bühne ist es doch schon beachtlich voll. Und das scheint auch die drei Amerikaner zu freuen, denn sie legen mehr als kraftvoll los und rasieren dem Frosch die Locken ab. Mit schweren Riffs und druckvollen Drums fegen sie jedweden festsitzenden Schlaf aus den Augen der Gäste. Zwischen Stoner- und Doom kommen auch an klassichen 70er-Heavy-Rock erinnernde Parts zum Einsatz. Vor der Bühne fliegen schon die Mähnen und selbst auf dem 15 Minuten Fußweg entfernt liegenden Campground dürfte man jetzt wach werden. Und da die Sonne ebenso begeistert anfängt vom Himmel zu brennen, scheint es an der Zeit für das erste kühle Gerstengebräu.

Was wir beim Freak Valley immer wieder feststellen ist, dass es immer wieder positive Überraschungen im Line up gibt, die man so gar nicht auf dem Schirm hatte. Im Vorfeld hatten wir uns die deutsche Krautband Bröselmaschine mal bei Youtube angeschaut und waren einhellig der Meinung, dass dies die Band wäre, wo wir mal gepflegt was essen gehen könnten. Aber weit gefehlt! Bröselmaschine ist rein geschichtlich schon eine Sensation des diesjährigen Programms. Gegründet im Jahr 1969 sind sie in diesem Jahr die einzige Band, die tatsächlich die Zeit der Hippies und des Krautrock live und in Farbe selbst miterlebt und sogar selbst geprägt hat. Eigentlich löste sich die Band bereits 1973 wieder auf, aber es gab immer wieder kleine Reunions, bis 2005 der Rockpalast nicht unerheblich an einer tatsächlichen Wiederbelebung der Band beteiligt war.

Mit indisch sphärischen Klängen starten die Altrocker oder eher Althippies auf der Mainstage und waren noch durch das eine oder andere Gespräch abgelenkt, als eine etwas sehr zu dünn erscheinende Frau im 60er Jahre Blumenkleid auf der Bühne auftauchte. In mir kam das Verlangen auf ihr etwas zu Essen zu bringen, da das leichte Sommerkleid doch sehr deutlich die sehr schmale Silhouette der durchaus hübschen Frau erahnen ließ. Aber was dann folgte kann man kaum mit Worten beschreiben. Peter Bursch hat mit Liz wohl Deutschlands beste Sängerin in seine Band geholt. Viel ist über diese Frau nicht zu finden, aber dass sie eine absolute Ausnahmestimme hat, wird niemand bestreiten dürfen. Wir stehen in sengender Sonne vor der Bühne und uns jagt eine Gänsehaut nach der nächsten über die Haut. Mir ist vollkommen schleierhaft, woher sie diese voluminöse und kraftvolle Stimme herholt, denn ihre Statur gibt das eigentlich nicht her.

Noch am Vortag war ich begeistert von der Sängerin der Blues Pills, und nun stehe ich hier und finde meine Kinnlade am Boden kaum wieder. Ob man die teils recht anstrengende krautige Musik von Bröselmaschine nun mag oder nicht, durch diese Frau wird jeder Auftritt der Band zum Pflichttermin! Noch immer vollkommen paralysiert treffen wir Desiree Hansen aus den Niederlanden, die wir bereits im letzten Jahr kennengelernt und interviewed hatten. Die Scheiben ihrer Plattenfirma „Burning World Records/Roadburn Records“, welche ausschließlich besondere Live-Konzerte auf streng limitiertes Vinyl presst, gelten in der Szene inzwischen als „Must Have“ in der gut sortierten Plattensammlung.


Das Gespräch wird aber jeh unterbrochen, da nun Seedy Jeezus auf dem Spielplan stehen. Drei Australier, denen nachgesagt wird, sie seien das LSD auf Jimmy Hendrix Zunge. Sixties inspirierter psychedelic Stoner Rock, groovend, sphärisch und sich in die Gehörgänge windend, wie ein gut geölter Korkenzieher. Jetzt wird es trotz unerbittlich brennender Sonne voll vor der Bühne. Bei Bröselmaschine war die Atmosphäre noch woodstockmäßig gechilled, aber nun wird es doch schon druckvoller, selbst wenn die treibenden Riffs von psychedelischen Klangkonstrukten abgelöst werden, werden diese Phasen höchstens dazu genutzt um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, oder das Shirt zu lüften. Aber selbst am Ende des Auftrittes ist von Erschöpfung nichts zu merken, denn es wird ausgiebig nach Zugaben verlangt. Doch die gibt es leider nicht, denn das Zeitmanagement ist straff geplant.

Sigirya,



benannt nach dem mystischen „Throat of the Lion“ Berg auf Sri Lanka, sind vier Waliser, die sich dem Doom-Rock verschrieben haben. Mit ihrem aktuellen Album „Darkness Died Today“ erobern sie sich derzeit die Bühnen der Welt. Treibende Riffs in Kombination mit einem Sänger, der optisch auch die weiblichen Gäste überzeugen dürfte, machen sie hier im Valley der Sonne mächtig Konkurrenz, denn sie heizen ordentlich ein. Die Meute vor der Bühne lässt in geradezu einheitlicher Konformität die Köpfe nicken. Und auch hier wird um Zugaben gebettelt und auch hier leider erfolglos.

Aus dem skandinavischen Stockholm folgen nun Siena Root. Man könnte sie schon als Ausnahmeband bezeichnen. Ende der 90er gegründet hat diese Band bis heute Bestand, zeichnet sich aber besonders durch die lange Liste ihrer Gastmusiker aus, welche dem Sound dieser Roots-Rock Band mit psychdelischem Einschlag immer neue Einflüsse verpasst. Percussions, Violine, Sitar, Harmonica und auch mal experimentelle Instrumente werden genutzt um dem speziellen Sound dieser Band einen einzigartigen Charakter zu verleihen. Dementsprechenden Kult-Status haben die Skaninavier auch hier auf diesem Festival. Trotz Hitze wird es brechend voll vor der Bühne und das honorieren Siena Root mit vollem Einsatz. Nach der Hälfte wird mir aber langsam schwummerig, und wir beschließen eine etwas ausgiebigere Schatten & Wasser-Pause einzulegen. Somit bleibt der Rest dieses Auftritts und von den anschließenden Danava leider ein akustischer Genuß vom Parkplatz aus. Aber selbst dort passieren interessante Dinge. Dort lernten wir einen Schlagzeugbauer kennen, der tatsächlich so verrückt war, aus einer Bierlaune heraus ein Schlagzeug aus einer alten Eiche rustikal Schrankwand zu bauen. Es gibt einfach Leute, die trifft man nur auf Festivals wie diesen.

Während des Auftrittes der fünf Schweden von Horisont waren wir dann wieder an der Bühne. Wirklich überzeugen können mich die Göteburger allerdings nicht, sind sie mir persönlich doch eine Spur zu nah an ihren Landsmännern von Graveyard dran, aber leider nicht nah genug um mit ihnen auf einer Stufe stehen zu können. Sicherlich sind Graveyard inzwischen in einer Liga, die schwer zu erreichen ist, deswegen tue ich den Jungs von Horisont auch vielleicht ein wenig unrecht. Nicht zuletzt wohl auch, weil ein Großteil der anderen Gäste ohne Unterlass vor der Bühne feiert und tanzt. Musikalisch ist es auch definitiv ein absolut handfestes Niveau, aber an den Eierstöcken packen sie mich leider dennoch nicht.

Ganz anders hingegen ergeht es uns dann mit Monkey3. Dass die Schweiz neben den Sons Of Morpheus und Prisma einiges Interessantes am Start hat, ist nichts Neues, aber die 2003 gegründete Schweizer Instrumentalband hat uns dann total aus den Socken gehauen. Sphärisch, spacig und dennoch voller Kraft und Energie bauen sich ihre Songs in einer Art und Weise auf, die einen wie auf eine Art in den 

Bann zieht, wie ein riesiger Strudel. Als alter Tool-Fan scheint es mir fast wie ein Frevel, dass mir diese Band so unentdeckt bleiben konnte. Ausgefeilte fast schon jazzige Songstrukturen, die sich immer und immer wieder wie Wellen aufbauen, in einem Sturm eskalieren, um dann wieder sphärisch zu zerfließen. Das letzte Mal, dass mich eine Band so erwischt hat, war 2013 in der Balver Höhle, als ich das erste Mal My Sleeping Karma live erlebt habe. Monkey3 sind aber noch irgendwie anders, irgendwie unvorhersehbarer und kraftvoller, dafür aber nicht ganz so hypnotisierend. Sicher ist aber zumindest, dass diese Band für heute der absolute Höhepunkt ist, und dass ich mir wohl ein paar neue Alben zulegen muss.

Dieser unglaubliche Auftritt hat allerdings dann auch zur Folge, dass die eigentlich hervorragenden Orchid aus der Hippie-Hauptstadt San Franzisco nun bei mir einen ganz schweren Stand haben. In klassischer Vierer-Besetzung zelebrieren sie den ebenso klassischen Black Sabbath inspirierten 70er Doom-Metal. Ein wenig zu statisch kommt mir Sänger Theo Mindell daher, doch als er sich dann irgendwann seiner steifen Jeansjacke entledigt wird er auch

lockerer, und so scheint es dann auch allen anderen zu gehen, denn von dem Moment an gehen wieder alle mit. Vielleicht brauchte es auch einfach eine kurze Weile um sich aus der hypnotischen Aura von Monkey3 wieder zu lösen und sich durch den herzhaften Orchid-Sound wieder in die Realität rocken zu lassen. Für uns ist aber nach der Hälfte Schluß, denn ein wenig zu viel Sonne und ein bevorstehender musikalisch ebenso herausragender Tag liegen noch vor uns.

Samstag 06.05.2015

Am letzten Tag im Valley sind wir früh am Start, den es liegt einiges an. Nicht nur das sensationelle Line up, sondern auch eine Hochzeit und ein Secret Gig der besonderen Art stehen neben einigen Interviews und den Konzerten auf unserem Terminplan. Gestartet wird heute mit frischer gewitterentladener Luft und bewölktem Himmel. Im Gegensatz zum Rock am Ring gab es hier keine Schäden oder Verletzte. Und so starten wir den heutigen Tag mit den Tombstones auf der kleineren Wake & Bake Bühne. Und dass es bedeckt ist, scheint genau richtig, denn mit ihrem düsteren felsschwerem Doom-Metal starten die Norweger in diesen Tag. Eigentlich hätte es finstere stürmische Nacht sein müssen, um diesen Sound gebührend zu zelebrieren, aber die bereits sehr zahlreiche Menge vor der Bühne gibt sich auch mit den Wolken zufrieden. Nickende Köpfe und die ersten fliegenden Haare machen klar, dass kein Kater der Welt hart genug ist, um diesen Jungs fern zu bleiben. Tiefe Riffs aus runter gestimmten Basssaiten in die man beim Spielen noch Knoten knüpfen könnte, tief melodiöse Gitarrenparts, ein düster langsam treibendes Schlagzeug und die grollende Stimme des Sängers gehen durch Mark und Bein, während das Ganze zu einer kratzigen Symbiose zusammen gemischt wird, die jedem Doom-Fan wieder an den Weihnachtsmann glauben lassen. Sowas kann irgendwie auch nur aus Skandinavien kommen.

Viel zu schnell ist es dann aber auch schon wieder vorbei und Valley Of The Sun machen sich bereit. Ein wenig übermüdet wirken die drei Stoner-Rocker aus Ohio schon ein wenig beim Aufbau, haben sie doch nur knapp zwei Stunden Schlaf gehabt. Aber als sie loslegen ist davon mal rein gar nichts mehr zu merken. Wie unter Strom gesetzt geht Ryan McAllister, der rotbeschopfte Lockenkopf am Bass ab wie Schmitz´Katze. Sein Namensfetter Ryan Ferrier an Gitarre und Gesang ist zwar nicht mit einer derartig beeindruckenden Mähne bestückt, dafür aber mit einer nicht minder herausragenden Stimme.

Von der ersten Sekunde an haben sie die Menge vor der Bühne mehr als im Griff. Das ist Stoner, wie man ihn liebt, staubtrocken und kernig. Jetzt wäre sengende Sonne genau das Richtige und Wüstensand, ein kühles Bier und mehr Valley Of The Sun! Die Jungs rocken, als wenn es ihre letzte halbe Stunde auf Erden wäre. Wenn das heute so weiter geht, dann kann mein Nacken wohl einpacken. Und wer hätte gedacht, dass es auch fast so weit kommen würde…

Doch zunächst geht es auf der großen Bühne mit Dead Man weiter. Die Sonne kommt heraus und so wird der entspannt positive Sixties-Sound der Schweden zum chilligen Tanz-Event. Alt- und Jung-Hippies tanzen ausgelassen neben sich sonnenden Grüppchen, die es sich auf dem Rasen oder auf Decken oder den unzähligen liebevoll gebauten Chill-Inseln gemütlich gemacht haben. 

Und ebenso passend macht sich dazu dieser grünlich anmutende Geruch auf dem gesamten Gelände breit und lässt wieder dieses so wohlige Woodstock-Gefühl aufkommen. Zu einem besseren Zeitpunkt hätten die Schweden nicht auf der Bühne stehen können. Unweigerlich schaut man sich um und erwartet Jim Morrison, Janis Joplin oder Hendrix zu begegnen. Aber zumindest Jimmy ist in gewisser Weise hier. Und wer weiß, ob sie nicht alle da sind und gemeinsam mit allen hier im süßlichen Rauch der Kräuterzigaretten ihre eigene Party feiern…

Nicht minder abgefahren gehen im Anschluss Egypt aus North Dakota zu Werke. Mit ihrem leicht doomigen psychedelischen Sound sind sie zwar nicht so hippie-fröhlich, aber dennoch eine weitere musikalisch hochkarätige Bereicherung an diesem Tag. Für uns allerdings nur kurz, denn wir hatten einen Interviewtermin mit den Isländern von The Vintage Caravan.

Eigentlich wären nun Kamchatka dran gewesen, aber da ihr Flieger erst so spät ankam, wurde der Auftritt von Tuber vorgezogen. Pünktlich zum Auftritt der Griechen waren wir aber wieder vor Ort, denn diese doch noch recht unbekannte Band gilt als DER Geheimtipp im Valley, und durfte somit auch nicht verpasst werden. Man mag den Griechen an sich ja nachsagen was man will, aber Musik machen können sie definitiv! Und was auch definitiv ist: Tuber werden nicht mehr lange ein Geheimtipp sein, denn diese Jungs sind nicht von dieser Welt. Wie schon Monkey3 mich am Vortag partiell an eine meiner absoluten Lieblings-Live-Bands erinnert haben, so tun es Tuber noch um einiges mehr. Kaum verwunderlich also, dass sie erst kurz vorher in Griechenland einen gemeinsamen Gig mit My Sleeping Karma hatten. Komplett instrumental schaffen sie es im wahrsten Sinne des Wortes spielend alle in ihren Bann zu ziehen. Wie gebannt hängen die Augen auf der Bühne und wie in Trance fängt die Menge an zu tanzen.

Für mich ist es immer wieder aufs Neue faszinierend wie derartige Bands ohne ein einziges gesungenes Wort, nur durch Melodien und Klangbilder derartige Massen geradezu zu hypnotisieren. Ich hätte ihnen stundelang zuhören und tanzen können, aber der Zauber war viel zu schnell vorbei. Aber diese Jungs muss ich definitiv im Interview haben, und glücklicherweise ist es mir auch hinterher geglückt zwei von ihnen vom belagerten Merch-Stand zu entführen, was mich aber den Auftritt von Crippled Black Phoenix gekostet hat.

Inzwischen eingetroffen, und trotz Hektik doch sehr relaxed, standen die drei Schweden von Kamchatka nun auf der Bühne im Valley. Eine der Bands auf die ich mich sehr gefreut habe, denn sie haben einen ganz besonderen Stil entwickelt. Beeinflusst durch Hendrix und Zeppelin haben sie ihren Stil um viele weitere Bereiche erweitert und perfektioniert. So sind Blues und Jazz Elemente keine seltenen Gäste ich ihren Songs und auch live auf der Bühne scheuen sie sich nicht einfach mal ins Blaue zu jammen. Bei dieser Band steht der Spaß am Spielen ganz im Fokus und das merkt man in jeder Sekunde in der sie auf der Bühne stehen.

Das breite sympathische Grinsen im Gesicht von Sänger und Gitarrist Thomes Juneor Anderson ist trotz des wuscheligen Bartes nicht zu übersehen, und diese positive Ausstrahlung springt schnell auf das gesamte Publikum über. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass bereits nach ganz kurzer Zeit der Eindruck entsteht, als wenn die drei Schweden kein Konzert spielen, sondern gemeinsam mit dem Publikum eine Party feiern und einfach nur Spaß haben. Kein Wunder also, dass man überall in lächelnde Gesichter blickt. Im späteren Interview wird dieser Eindruck auch nur noch verstärkt, denn ich habe ganz selten Musiker vor dem Mikrophon gehabt, die so eine überwältigend positive Ausstrahlung verbreiten.

Bevor die Isländer von The Vintage Caravan als nächstes auf der Hauptbühne stehen, gibt es an diesem Tag aber noch eine kleine Überraschung. Da es in diesem Jahr auf dem Festival eine kleine Hochzeitsfeier der Rockfreaks zu feiern gilt, hat sich die Hausband Bushfire auf der Wake & Bake Stage eingefunden um dem Brautpaar, aber auch allen anderen Gästen ein kleines Akustik Set zu spielen. Dieser kleine „Secret Gig“ hatte sich aber fix herumgesprochen und so wurde es dort sehr schnell mächtig voll. Der charismatische Frontmann mit der kraftvollen tiefen Stimme ging beeindruckend Gefühlvoll an die Sache ran, und so glitzerten nicht nur bei ihm ein paar Tränen auf dem Gesicht als das befreundete Brautpaar sich vor der Bühne einfand. Ein besonderer Moment mit ein paar sehr ausgesuchten Songs, die wohl vielen lange in Erinnerung bleiben werden.

Aber nun ist es an der Zeit sich den wohl jüngsten Musikern in diesem Jahr zu widmen. The Vintage Caravan aus Island sind mal gerade Anfang 20 und arbeiten bereits seit über neun Jahren gemeinsam an ihrer Musik. Zwar ist Bassist Alexander erst seit wenigen Jahren dabei, fügt sich aber perfekt in dieses Trio ein. Anders als bei den düster melancholischen Solstafir aus Island kommt die Musik von The Vintage Caravan sehr positiv und psychedelisch rockend daher. Sänger und Gitarrist Oskar erinnert optisch zwar ein wenig an die beiden jüngsten Söhne der einst so erfolgreichen Kelly Family, musikalisch trennen sie aber Welten. Bereits im vergangenen Jahr konnten wir die Isländer auf dem Wacken Open Air live erleben, aber hier im Valley scheinen sie besser aufgehoben zu sein. Ihr Sound ist viel zu sehr im Retro-Bereich, als im Metal anzusiedeln. Das Publikum scheint derselben Meinung zu sein und feiert die Band ausgiebig, fast euphorisch. Schade nur, dass wir nun schon zum nächsten Interview mit Tuber müssen. Deswegen entgeht uns leider auch der Auftritt der aus Bristol stammenden Crippled Black Phoenix.

Inzwischen machen sich auch heftige Schmerzen im Rücken breit. Und so kommt es mir mehr als gelegen, dass es im Backstagebereich eine ausgebildete Physiotherapeutin gibt, die geplagte Musiker und Journalisten gegen eine Spende für ein soziales Kinderprojekt ausgiebig betreut und pflegt. Und so lasse ich mich erst einmal verarzten während EyeHateGod auf der Bühne stehen. Dass ich die Jungs verpasse ist für mich auch nicht weiter schlimm, denn das ist in diesem Jahr eine der Bands, die ich nicht zwangsläufig sehen muss. Deren zahlreiche Fans sehen das sicher anders, aber man kann auch nicht alles mögen, so unverzichtbar es für den einen oder anderen auch sein mag. Da meine bessere Hälfte aber vor Ort war, gibt es zumindest ein paar Bilder.

Nach der erstaulich erfolgreichen Behandlung durch Krista (Namen merken!), die wahre Wunder bewirkt hat, geht es leicht wie eine Feder zurück vor die Bühne, denn es ist Zeit für Electric Moon. Die 2009 gegründete Hessische Band dürfte wohl zu den abgefahrensten Gruppierungen in diesem Jahr gehören. Psychedelisch spaciger Krautrock welcher durch oftmals spontan improvisierten Klangkonstrukten zu einem neuen Ganzen geformt wird. Die Drei wirken auf der Bühne ganz auf sich fixiert und scheinen um sich herum nicht viel außer ihrer Musik wahrzunehmen. Umso interessanter, wie genau das die Menge zu faszinieren scheint. Obwohl viel improvisiert wird, scheint alles immer irgendwie zu passen und ineinander zu greifen, sodass dieser Auftritt vollkommen stimmig wirkt und musikalisch wirklich begeistert.

Der Sound scheint sich ebenso mit dem Publikum zu verbinden, wie die Nebelschwaden von, und vor der Bühne sich vereinen. Ein grandioser Auftritt, der mich schwermütig werden lässt, denn nur noch eine Band und die Zeit im diesjährigen Valley ist schon wieder Geschichte. Schon verabschiedet man sich von den ersten Leuten – nein – Freunden, und irgendwie ist jeder Blick über das so liebevoll gestaltete Gelände schon mit dem Gedanken behaftet, dass jetzt gleich schon wieder alles vorbei ist.

 

Und während Earthless sich auf ihren Auftritt vorbereiten beschließe ich meine mich übermannende Melancholie nicht mit diesen mir so lieb gewordenen Menschen teilen zu wollen, und so verabschieden wir uns schon vorzeitig um dieser hervorragenden Band vom Parkplatz aus zu lauschen.

Nun mag man sich fragen, was heult die denn da so rum, ist doch nur ein Festival… Und genau das ist es eben nicht. Zumindest nicht für uns, und ich denke auch für viele andere auch nicht. Mir ist zumindest kein Festival in dieser mit maximal 2500 Besuchern doch recht übersichtlichen Größenordnung bekannt, deren Gäste jedes Jahr teilweise tausende Kilometer An- und Abreise in Kauf nehmen um dabei zu sein. Ein Festival, wo man von den Veranstaltern nicht als eine zu melkende Kuh angesehen wird, sondern als Freund, als Gleichgesinnter und genauso als willkommener Gast auf den man sich freut. Es ist ein besonderer Ort, wo sich Gäste und Musiker treffen, gemeinsam feiern, weil beide die Leidenschaft zur Musik teilen, wo man nicht danach beurteilt wird was man trägt, oder was man verdient. Ein Ort wo ehrliches anders Sein willkommen ist, wo Freaks wie wir ein Zuhause finden. Das Freak Valley Festival ist ein ehrliches Festival, was mit so viel Liebe zum Detail, so viel Herzblut und so viel ehrenamtlichen Engagement auf die Beine gestellt wird, was mir bis dato so noch nirgendwo begegnet ist. Und um auch mal Fakten sprechen zu lassen, es ist nahezu perfekt organisiert. Neben zahlreichen Dixis gibt es sogar Indoor-Toiletten, eine Garderobe, kostenlose Duschen am Gelände, einen wunderbaren Campground, einem kostenlosen Shuttleservice (ja es gab in diesem Jahr ärgerlicherweise einen nächtlichen Ausfall des Transfers, das lag aber nicht in der Schuld der Orga.) und von dem umfangreichen und günstigen Versorgungsangebot habe ich einleitend bereits ausgiebig berichtet. Aber viel wichtiger als das alles ist, dass es ist ein Festival ist wo man Freunde findet und Musik neu entdecken und erleben kann.

 

Und das ist auch etwas, was wir immer wieder von Gästen und auch Musikern hören.

 

Written by Sam , Fotos by Django-Foto

Insofern bleibt uns auch in diesem Jahr nur wieder den Rockfreaks und ihren Helfern ein weltumspannendes begeistertes Dankeschön auszusprechen, für drei Tage voller atemberaubend guter Musik, voller Love, Peace and Rock´n Roll und voller Herzlichkeit!

Und schon jetzt verbleiben wir in grandioser Vorfreude auf das nächste, und hoffentlich noch unzählige weitere Wochenenden , wenn es wieder heißt:


In diesem Sinne: DANKE FREUNDE UND VIEL SCHBASSSSSS!!!