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M’era Luna Festival 2014 – Oberflächlichkeit mit Tiefgang

Der Fall von Legenden und das Erstrahlen neuer Sterne

Ein buntes Festival der schwarzen Musik zwischen Mainstream-Masse und Familientreffen

 

Foto: Django
Foto: Django

Nach nunmehr vier Jahren Abstinenz ging es in diesem Jahr endlich mal wieder zum M‘era Luna Festival nach Hildesheim, dem wohl größten Gothic-Festival Europas neben dem Wave Gothic Treffen in Leipzig.  Die Wetterprognosen waren durchwachsen, aber an diesem Samstagmorgen schien die Sonne und machte uns Hoffnung, dass wir die diesjährigen Bands nicht wie früher so oft im Regen erleben müssen. Auch in diesem Jahr punktet das M‘era Luna mit einem konstant qualitativ hochwertigen Line up, durch Bands und Künstlern wie Marilyn Manson, Within Temptation, Deine Lakaien, And One und vielen weiteren. Ersterem ist es wohl auch zu verdanken, dass man in diesem Jahr wieder einen Ausverkauf zu vermelden hatte. Nach etwas mehr als einer Stunde Fahrt trafen wir am Gelände ein, holten unsere Pressebänder, fanden einen perfekten Parkplatz und wurden von einem sehr netten Security begrüßt, der fast das gesamte Festival über einen scharfen Blick auf unseren Wagen hatte. An dieser Stelle mal ein Dankeschön an Carsten und das gesamte Security-Team, die einen tollen Job gemacht haben.

Tag 1

Mit unserem Equipment bewaffnet ging es dann auf das Gelände, was sich in den vergangenen Jahren kaum verändert hatte, alles war an seinem erwarteten Platz, und so stellte sich schnell ein wohliges Zuhause-Gefühl ein. Nach einem Rundgang verweilten wir dann im Pressezelt mit angrenzendem Außenbereich, von dem man seitlich einen guten Blick auf die Mainstage werfen konnte, wo sich die zweite Band des Tages gerade bereit machte: Ignis Fatuu, eine Mittelalterrock Band aus Nürnberg, die mit erfreulich wenig Getröte, dafür aber mit guten Texten punkteten.

Das Infield füllte sich während dessen stetig weiter, und so war es bei dem darauf folgenden Auftritt von Henke schon bedeutend voller vor der Bühne. Was aber auch nicht weiter verwunderlich ist, da hinter Henke natürlich Oswald Henke steckt, ein Urgestein der Gothic Szene, der vielen noch als Kopf und Sprachrohr von Goethes Erben in Erinnerung sein dürfte. Und auch bei Henke fällt natürlich seine markante fast einzigartige Stimmfarbe ins Gewicht, auch wenn der Fokus laut Band auf den Inhalt der Lyrics gesetzt werden sollte. Eigenwillig und lyrisch waren die Texte schon immer, jetzt allerdings wurden sie in ein wesentlich eingängigeres Kleid aus Melodien verpackt, welche so den Weg in das eigene Ohr doch schon sehr erleichtern. Und so ernten Henke mehr als verdient Applaus und Jubel für ihren Auftritt, bei dem es langsam aber sicher immer windiger wurde. 

Bild: Django

Dieser Wind hatte auch zur Folge, dass zunächst keine Backdrops der Bands aufgehängt werden durften, bis sich die angekündigte Sturmfront nach dem Auftritt von The Beauty Of Gemina wieder in das auflöste, was sie im Grunde war: Ein büschen Wind, wie der Norddeutsche zu sagen pflegt. Doch zunächst erklimmen die Schweizer Symphaten die Bühne, welche für kleine Menschen fast so hoch wie die Schweizer Berge erscheinen könnte. The Beauty Of Gemina veröffentlichten in acht Jahren Bandgeschichte bereits sechs Alben, tourten mit The Smashing Pumpkins, Unheilig und ASP. Markant an dieser Band sind nicht nur die weißen Haare des Sängers Michael Sele, sondern auch seine tiefe warme Stimme, die entfernt an Andrew Eldritch erinnern mag. Besonders ist aber auch der Sound, da er sich so herrlich an alte Gothic-Zeiten anlehnt, melancholisch, tiefgründig und so dunkel romantisch, dass man sich spontan Kerzenlicht und ein gutes Glas Rotwein herbei wünscht um in einer stürmischen Nacht den Vollmond zu betrachten. Ein wunderbarer musikalischer Moment, den man einfach genießen muss, da in den letzten Jahren viel zu sehr oberflächliche technoide Einflüsse und grelle Neonfarben mit von Gasmasken verhüllten Gesichtern den eigentlichen feinsinnigen Urgedanken des Gothic-Seins so überlagert haben.

Doch viel zu schnell ist dieser beeindruckende Moment vorüber und wird vom aus dem Hagar her tönenden Elektrosound von Rabia Sorda abgelöst. Zwar kommt das Soloprojekt des Hocico Frontmannes Eric Garcia wesentlich melodischer und sanfter daher, als man es von Hocico gewohnt ist, dennoch lässt es uns nicht länger als zwei Songs im Hangar verweilen, da wir nach einem wunderbaren musikalischen Schweizer Rotwein ungern auf Mexikanischen Tequilla umsteigen möchten, mag dieser auch noch so mild sein. 

Bild: Django

Und so wandern wir lieber zu den Klängen von Lacrimas Profundere über das Gelände zum angrenzenden Mittelaltermarkt um bei inzwischen wieder strahlendem Sonnenschein ein wenig Feststoffnahrung zu uns zu nehmen. Auf unserem Weg begegnen uns wie schon erhofft und erwartet wunderbar ausgefallen ausgearbeitete Outfits der zahlreichen Besucher. Dominierte noch vor 5 Jahren die Cyber-Szene das optische Bild dieses Festivals, so erfreulich vielseitig ist sie in diesem Jahr. Kaum eine Stilrichtung ragt deutlich heraus, aber dafür sind fast alle Variationen in solcher Mannigfaltigkeit und Dichte vertreten, dass man teilweise gar nicht weiß auf wen man die Kamera zuerst richten soll. 

Bild: Birger Teimer

Frisch gestärkt geht es nun aber schon zurück zur Hauptbühne, denn die Nachbarn aus Göttingen haben sich fertig bemalt und stehen bereit um die inzwischen beträchtlich angewachsene Meute vor der Bühne mit stahlharten Klängen der Neuen Deutschen Härte zu beschallen. Stahlmann haben den Schritt gewagt mit einer fast totgesagten Stilrichtung neue Wege zu beschreiten, und sie taten gut daran. Auch wenn sie mit ihrem frostig metallenem Outfit eiskalt wirken möchten, mit ihrer humorvollen und symphatischen Art in Kombination mit einfachen, wenn unterschwellig doch teils sehr kritischen Texten, begeistern sie auf voller Linie. Eine Animationsband, die Spaß macht und zum ersten Mal an diesem Tag Freude und gute Laune verbreitet. Ja auch Gothen können Spaß haben, so viel ist mal sicher. Und so wird hier mitgesungen, getanzt und gesprungen, dass die Schweißtropfen fast wie der glücklicherweise ausgebliebene Regen gen Boden tropfen. 

Bild: Django
Bild: Django

Gerne hätten wir uns den Auftritt bis zum Ende angesehen, doch plötzlich erblicken wir Daniel Schulz, wie er aus dem Backstagebereich ins Infield läuft. Sofort wird der Sänger der hier im nächsten Jahr das Line up bereichernden Band Unzucht von einigen Gästen entdeckt und belagert. Wir schalten schnell, und verhaften den Sänger und zwei seiner Bandmitglieder sofort zu einem spontanen Interview, bevor sie sich weiter ihren Fans und dem Festival widmen.

Bild: Django

Ein leider sehr seltener Moment, denn nicht viele Künstler lassen sich freiwillig im Pressebereich sehen. Vielleicht wäre es für die kommenden Jahre schöner, wenn man einen Bereich schaffen würde, wo sich Künstler und Presse ein wenig öfter begegnen können, um solche spontanen kleinen Interviews möglich zu machen.

Nach diesem kleinen Zwischenspiel stehen bereits ASPs Von den Zaubererbrüdern auf der Bühne, einem wunderbaren Sideproject von ASP, welches sich zu einem großen Teil mit dem Krabat Liederzyklus beschäftigt, aber auch andere eher Balladeske Songs des Meisters beinhaltet. Doch auch diesen Auftritt können wir leider nicht ganz mit erleben, da unser Interview-Termin mit Michael Sele von The Beauty Of Gemina auf dem Terminplan steht.

Bild: Django

Dieses Interview war im Übrigen ebenso feinsinnig und symphatisch, wie der Auftritt dieser Ausnahmeband. Ein großes Lob geht an dieser Stelle an das Presseteam des M‘era Luna, die gut organisiert und hilfsbereit immer für jede Frage parat gestanden haben, und auch für extra Interview-Räume gesorgt haben, um eine ruhige und entspannte Atmosphäre zu schaffen. 

Nach diesem Gespräch mussten wir uns aber beeilen, da wir nach dem Auftritt von Das Ich nicht auch noch den Auftritt von Paradise Lost verpassen wollten. Die fünfköpfige Band aus Halifax hat in ihrer mittlerweile 26jährigen Bandgeschichte alle Höhen und Tiefen durchlebt, Stilrichtungen gewechselt, sich selbst ständig neu erfunden und weiter entwickelt. Jetzt scheinen sie nach dieser langen Zeit aber endlich die Essenz aus dem was sie erlebt haben, gefunden zu haben, und so stehen sie ohne Schnörkel und Schnick Schnack ganz pur und voller Energie auf der Bühne und rocken gemeinsam mit dem Publikum zu einem Potpourri ihrer größten Hits, wobei sie die Songs der deutlich härteren Gangart wohl daheim gelassen haben. Doch das ist auch nicht schlimm, schließlich sind wir ja hier auf einem Gothic Festival und nicht bei einem Metal-Event.

Bild: Birger Teimer

Im Anschluss stehen im Hangar ebenfalls musikalische Helden der Szene auf der Bühne, doch diese überzeugen leider gar nicht. Erschreckend gealtert stehen Leæther Stripauf der Bühne, und ebenso ermüdet kämpfen sie sich auch ab. Wenn man bedenkt, dass diese Combo ebenso lange existiert wie die gerade erlebten Paradise Lost, ist es schon sehr ernüchternd, wie unterschiedlich Bands altern. Zwar gibt sich Sänger Claus Larsen sichtlich Mühe und erkämpft sich jeden Ton mit hochrotem Kopf, doch mit derselben Anstrengung verweht diese Energie jedoch sofort und lässt uns sichtlich enttäuscht den Weg zurück zur Hauptbühne antreten.

Bild: Birger Teimer

Hier fiedeln gerade Subway To Sally eine Melange ihrer musikalischen Historie vor einem jubelnden Meer aus klatschenden Armen und hüpfenden Körpern. Ich persönlich hatte mich bereits vor drei Jahren von dieser Band verabschiedet, die ich über Jahre doch sehr ins Herz geschlossen hatte, doch das sich ewig wiederholende Thema um Rosen, Blut und Feuer ermüdet mich zusehens. Da lobe ich mir die nächste Generation von Mittelalterrockbands, die sich nicht scheuen kritische Themen in ihren Texten zu verarbeiten, oder sich einfach mehr Mühe bei der Vielseitigkeit der Texte geben. Doch was bedeutet schon meine bescheidene Meinung, wenn 20.000 Fans vor der Bühne zum drölftausendsten Mal „Den Schrei“ zelebrieren und Julia mit den Räubern Blut säuft. Es sei der Band und ihren Fans gegönnt. 

Bild: Birger Teimer

Für uns allerdings ein guter Moment um noch einmal an den Nahrungsständen flanieren zu gehen, denn hier gibt es ein doch recht vielseitiges Angebot für den schmalen Geldbeutel eines Festivalbesuchers. Sei es die große Portion Pommes mit einem mittelprächtigem halbwarmen Hamburger für 7,50 €, die zwar keine kulinarische Meisterleistung darstellt, aber mehr als sättigt, oder die leckere frische vegetarische Falafel für 5 Euro, oder etwas teurer, dafür aber vom Henssler kreierte Asiatische Küche. Auch das ganze Spanferkel fehlt hier nicht und ebenso gibt es eine gute Auswahl für die Verweigerer tierhaltiger Nahrung. Einzig das Bier für 4 Euro finde ich etwas zu teuer angesetzt. 

Aber wir sind ja zum arbeiten hier, also geht es für uns nun zurück zum Pressezelt, von wo wir einen guten seitlichen Blick auf die Hauptbühne haben um den Skandalrocker Marilyn Manson zu begutachten. Das Infield ist nun wirklich prall gefüllt, die Erwartungen sind hoch und die Spannung auf dem Höhepunkt, als endlich der schwarze Vorhang fällt und die Legende auf der Bühne erscheint. Und nun ist der Moment erreicht, wo ich mich ein wenig zügeln muss, um mir nicht den Hass seiner großen Fan-Gemeinde zu Eigen zu machen. Sicher ist Marilyn Manson nicht für seine Diszipliniertheit bekannt und auch nicht für sein gutes und taktvolles Benehmen, wenn ich das erwartet hätte, wäre ich hier auch falsch. Aber ich denke man kann erwarten, dass eine derartige Ikone ein gewisses Maß an Qualität abliefert. Was sich uns hier allerdings dargeboten hat, war den Hype nicht wert. Wenn der gute Mann nicht zwischenzeitlich auf Stelzen unterwegs gewesen wäre, hätte ich Brief und Siegel darauf verwettet, dass er sich mit allem vollgepumpt hat, was der Backstagebereich an Suchtmitteln hergegeben hat. Ich hätte gejubelt, wenn er auch nur einen Ton perfekt getroffen hätte, doch teilweise waren die Songs nur am Spiel der restlichen Musiker zu erkennen. Ein Albtraum muss es für die Techniker gewesen sein, als er nach fast jedem Song sein Mikrophon in irgendwelche Ecken schmiss, Scheinwerfer von der Bühnenkante hochhob um sie nach einem Schwenk ins Publikum dann wieder einfach fallen zu lassen. Auch seine Reden zwischen den Songs wirkten eher kreischig, kratzig und lallend, sodass man kaum etwas davon verstand, was er mitteilen wollte. Einzig sein Ausflug zum Publikum wirkte ansatzweise symphatisch und positiv. Selbst seine Showelemente erwirkten nicht den gewollten Effekt, sondern kamen eher billig daher. Die Gäste sahen diesen Auftritt ebenfalls eher zweigeteilt. Die einen waren begeistert, weil er seinem rotzigen Scheißegal-Image in vollem Umfang entsprochen hat, andere wiederum zogen fast entsetzt und enttäuscht von Dannen. 

Bild: Birger Teimer

Für mich ist es immer wieder schade solche Legenden fallen zu sehen, und so machte ich mir auch nicht mehr viele Hoffnungen für den darauf folgenden Auftritt von Within Temptation. Bereits vor Jahren habe ich sie live erlebt und da haben sie mich nicht besonders beeindruckt, obwohl ich die Songs durchaus mag. Im Grunde hatten wir uns ohnehin schon entschieden zu gehen und den Tag zu beschließen, doch auf dem Weg durch das Infield auf die andere Seite hielt uns der Blick auf die Bühne zurück. Zum einen war es der riesige leuchtende Vollmond, welcher just in diesem Moment direkt mittig über der Bühne fast episch erstrahlte, und zum anderen wurde gerade das Bühnenbild für den Auftritt aufgebaut, welches so aufwendig, wie das eines Musicals wirkte. Zwei Banner mit eisblauen Wolfsköpfen flankierten die LED-Rückwand, vor der eine Showtreppe hinab zur eigentlichen Bühne führte. Große metallische Aufbauten und Ebenen für Schlagzeug und Keyboard rechts und links erhoben sich hinter den Podesten für die Gitarristen. Darauf folgte der Check des Bühnenlichtes, und da wussten wir spätestens, dass wir gut daran tun würden die Position vor dem Ton- und Licht-Tower beizubehalten. Mit nur 5 Minuten Verspätung ging dann die mehr als beeindruckende Show los, und ich vermag kaum in Worte zu fassen, wie perfekt eben diese inszeniert wurde. Hier stimmte alles, der Einmarsch der Musiker, der Auftritt von Sängerin Sharon über die Showtreppe, das sagenhaft auf den Punkt gesetzte Licht, die Videoeinspielungen auf der LED-Rückwand, der Sound, einfach alles. So hatte ich Within Temptation noch nie erlebt und so hätte ich es auch niemals erwartet. 

Bild: Django

Bei jedem folgenden Song jagte eine Gänsehaut die nächste, und so stieg meine innere Spannung bis an ihre Grenze, da ich nun auf den Moment wartete, wo sie den Song „And We Run“ spielen würden. Bereits im Vorfeld spaltete dieser Song die Nation, war es doch quasi undenkbar, dass eine Symphonic-Metal-Band ein Duett mit einem Rapper in die Charts bringen würde. Aber was bereits in den 80ern Aerosmith und Run DMC gelang, sollte somit auch hier nicht unmöglich sein. Und genauso kam es dann, dass auf einem Gothic-Festival ein Rapper wie Xzibit Einzug hält und gefeiert wird, auch wenn dieser nur via Video über die Rückwand aus der Dose zugegen war. And We Run wurde sogar fast frenetisch mitgesungen und bejubelt, was für die Niederländer sicher ein ganz besonderer Moment gewesen sein muss. Ein wirklich unvergessliches Erlebnis, welches dann durch die drauf folgenden Songs nur noch gesteigert wurde. Egal ob die akustische Variante von Sinéad, oder von sparsam aber perfekt eingesetzten Pyroeffekten unterstütze Bombastsongs a´la Haven´t You Seen. Jedes Lied wurde perfekt in Szene gesetzt und auch Sharons Stimme hat in den vergangenen Jahren an Qualität und Volumen gewonnen, so dass hier wirklich keine Wünsche offen blieben. Ein fulminantes Finale an diesem Samstag, was so wohl niemand erwartet hätte. Ein kleiner Wehmutstropfen war für uns allerdings, dass der gesamte Sound an diesem Tag bis auf diesen letzten Auftritt nicht wirklich zufriedenstellend gewesen ist. Im Ganzen wurde zu sehr auf das satte Volumen der unteren Mitten und Bässe verzichtet, und so hatte man leider zu oft das Gefühl einem Kofferradio zu lauschen. Glücklicherweise würde sich dies am zweiten Tag ein wenig bessern, so viel sei schon jetzt verraten. Wir machten uns nun aber auf zu unserer Schlafstätte, um ausgeruht in den zweiten M‘era Luna Tag starten zu können.

Tag 2

Bei bedecktem Himmel und leichtem Nieselregen wachten wir am Sonntagmorgen auf und der Wetterbericht lies nichts Gutes hoffen. Auch Carsten, unser „Nachtwächter“ lies vermelden, dass im Radio Unwetterwarnungen zu hören waren. Davon allerdings unbeirrt genehmigten wir uns unseren ersten Kaffee, meine Wenigkeit frönte dabei den erforderlichen Restaurierungsarbeiten am eigenen Gebilde und der Wahl der passenden Bekleidung, welche auf ein fröhliches Gesamt-Weiß mit schwarzen Accessoires fiel. So machten wir uns dann recht zügig auf in Richtung Festivalgelände. 

Bild: Django

Gerade am Pressezelt angekommen startete auch schon die erste Band des Tages auf der Hauptbühne. Bo Ningen – Vier Japaner, die sich in London gefunden haben und seitdem etwas zelebrieren, was sich definitiv nicht in eine Schublade pressen lässt, enterten die Bühne. Es gibt Musik, für die ist bereits ein Gerstensaft Pilsener Brauart zu viel, und es gibt Musik, da ist eines definitiv zu wenig. Wir schienen gerade Zeugen des Letzteren zu sein, und das noch ganz ohne Bier und mit nur einem Kaffee. Vollkommen verstört starrten wir auf das, was sich uns dort gerade auf der Bühne bot. Bereits in früheren Jahren habe ich auf dem M’era Luna erlebt, dass gerne asiatische Bands gebucht wurden, denen man im Vorfeld anscheinend nahegelegt hatte, vor dem Auftritt beherzt in die Stromversorgung zu greifen, zuletzt waren es Dir En Grey aus Japan. Zumindest dieser Band sehr ähnlich zuckten und holzten diese vier langhaarigen epileptisch über die Bühne und entlockten ihren Instrumenten Geräuschkompositionen, die sich einem beim ersten erstaunten Hinhören nicht wirklich erschließen wollten. Auch die sehr eigenwillige Art von „Gesang“ lies sich die Fragezeichen über den Köpfen aneinanderreihen wie bei einer Perlenkette. Ein an Helium gemahnendes Feen-Geheul löste ein kehliges Röhren ab, gefolgt von einem besinnlichen Säuseln, welches dann in einem Gielen endete, dass nach zwei sich aneinander reibende Zugwagons erinnerte. Doch dieses Chaos schien tatsächlich ein System zu haben, was für das westliche Ohr ohne Zugang zur Asiatischen Kultur allerdings dann doch etwas schwierig anmutete, gerade bei dieser doch noch recht frühen Tageszeit. Ein Gutes hatte dieser Auftritt allerdings, denn das angekündigte Unwetter hatte ob dieser Klangwelten anscheinend schnell die Flucht ergriffen und die Sonne traute sich mutig heraus. 

Grund genug für uns noch einmal zurück zum Wagen zu gehen und die erst einmal zurückgelassene Kamera zu holen. Damit bewaffnet kehrten wir gerade zurück, als die Spaß-Mittelalterbarden von Feuerschwanz aufspielten. Zunächst war mir das gar nicht klar, denn uns schlugen mächtig elektronische Klänge entgegen und einige Rest-Cyber-Gothen versuchten dabei intensiv Flugzeuge einzuweisen, die hier aber an diesem Tage nicht zu finden waren. Erst bei der Zwischenansprache kam mir die Stimme des Sängers doch recht bekannt vor und der Blick zur Bühne lies dann keinen Zweifel mehr, dass sich dort gerade die J.B.O des Mittelalters an elektonischen Beats versuchten. Ob man das nun braucht oder nicht wage ich nicht zu entscheiden, ich für meinen Teil brauche weder das eine noch das andere zum glücklich sein.

Also entfleuchten wir in Richtung Einlass zum Infield wo das obligatorische inoffizielle Schaulaufen der Gäste stattfand. Und so hatten auch wir die Möglichkeit einige der wunderbar aufwendigen Outfits abzulichten. Während dessen drehte sich auf der Hauptbühne das Line up weiter und eine uns bis dato vollkommen unbekannte Band griff in die Saiten. Darkhaus heißen sie und kommen aus Deutschland, Schottland, USA und Österreich. Nach ein wenig Recherche stoße ich auf Erstaunliches, diese beeindruckende Sythie-Rock-Band hat gar nicht so unbekannte Mitglieder, sind doch Gary Meskil und Marshall Stephens von ProPain und der erfolgreiche Songwriter Rupert Keplinger aus Hamburg mit im Boot, welcher bereits viele erfolgreiche Songs für Eisbrecher, Maffay oder auch Stephan Weidner geschrieben hat. Die Drums vermöbelt Paul Keller und den Gesang steuert der Schotte Kenny Hanlon bei. Alle gemeinsam fabrizieren einen eingängig rockigen Sound mit einem Teppich aus Synthiemelodien, die den Weg durch die Gehörgänge bis ins Gehirn pflastern. Ein wirklich gelungenes Projekt, von dem man in Zukunft hoffentlich noch mehr hören wird.

Bild: Birger Teimer

Mittlerweile wurden sämtliche Schirme auf dem Gelände eingefahren und abgebaut, da schien sich dann doch noch etwas Heftiges anzukündigen von ganz oben. Auch der nur schleierbewölkte Himmel zog sich ganz langsam immer mehr zu, doch noch war die Sonne stärker. Und so starteten Letzte Instanz mit ihrem Auftritt. Nach und nach haben sie sich über die Jahre von ihrem Mittelalter-Image gelöst und verharren nun sehr erfolgreich im Folkrock mit eingängigem Deutschen Gesang des Frontmannes Holly, der nicht nur durch den wiedererkennungswert seiner Stimme punktet, sondern ebenso durch die Art, wie er mit dem Publikum arbeitet. Von der ersten Sekunde an schien es eine Art der Kommunikation zu geben, und die Masse folgte jeder seiner Anweisungen. So war es auch nicht verwunderlich, dass eine riesige Horde von Gothen zur Interpretation von The White Stripe´s Seven Nation Army tanzte und feierte. Und es zeigte sich wieder einmal, dass die Szene zum Lachen sicher nicht in den Keller geht. 

Bild: Birger Teimer

Letzte Instanz wurden bis zum Ende ausgiebig bejubelt und so waren alle auch gut vorbereitet für die Industrial-Rock-Legende Die Krupps. Auf diesen Auftritt habe ich mich besonders gefreut und glücklicherweise wurde ich hier auch nicht enttäuscht. Kraftvoll und mit Spaß und Elan standen die Altmeister auf der Bühne und gaben alles. Gegenseitig stachelten sich das Publikum und die Band immer weiter an, es wurde wild getanzt und mitgesungen und bei To The Hilt riss es dann auch den Letzen mit. Ja diese Jungs haben nichts verlernt und auch nicht nachgelassen, Chapeau. 

Bild: Birger Teimer

Leider lies inzwischen die Kraft der Sonne mächtig nach, und bei Faun weinte der Himmel dann auch bittere Tränen zu den sanften Balladen der zarten Stimmen dieser inzwischen bedauerlicherweise dem Mainstream anheimgefallenen Folkband. Das darf man jetzt nicht falsch verstehen, sicher gönnt man es jeder Band, wenn sie es nach Jahren harter Arbeit und Tingelei endlich schafft mit dem was sie lieben kommerziell erfolgreich zu sein und Geld zu verdienen. Wenn da nicht dieses ärgerliche „aber“ wäre, was leider viel zu oft für eine Band bedeutet, dass sie sich für den Major-Deal verbiegen müssen. Und den Eindruck hat man hier leider zu sehr. 

Bild: Birger Teimer

Dennoch war es ein schönes entspannendes Zwischenspiel um nach dem kraftvollen Sound der Krupps eine Brücke zum feinsinnig teils romantischen Songwriting von Deine Lakaien zu schlagen. Der Regen verflüchtigte sich wieder, doch noch blieb es bedeckt, als Veljanov wie immer stilvoll im Anzug und mit perfekt sitzender Haarpracht die Bühne betrat. An ihm spalten sich seit Jahren die Geister der Festivalbesucher, die einen lieben diese feinfühligen Auftritte, die sanften Melodiebögen und den düster schweren Gesang, der so viele Emotionen in sich trägt, doch die anderen fühlen sich gelangweilt und können nur schwer abwarten bis dieser Kelch an ihren vorüber gezogen ist.

Doch diese Fraktion konnte sich zeitgleich bei Hocico im Hangar mit hämmernden harschen Elektrosound beschallen lassen, welcher glücklicherweise nicht den Sound auf der Hauptbühne störte, wie ein paar Jahre zuvor. Und so genossen wir das hochkarätige elegante Wechselspiel aus tanzbaren Hits wie Dark Star oder Over And Done und feinfühligen Songs wie Into My Arms und Gone bis sich die Darkwaver mit Farewell verabschiedeten und die Bühne für Pseudo-Rammstein in mittelalterlichem Gewand frei machten. 

Bild: Birger Teimer

Doch vorher warfen wir noch einen kurzen Blick in den Hangar zu De/Vision aus Darmstadt. Die Deutschen Depeche Mode, wie sie nicht selten genannt werden, lieferten hier wie gewohnt einen Synthieklangteppich ab, der Ihrem Vorbild vielleicht nicht ebenbürtig ist, aber dennoch seine Anhänger hat, wie der fast bis zum Eingang gefüllte Hangar beweist. Für viele vielleicht zu poppig, aber dafür mit viel Gefühl und einer großen Portion Tanzbarkeit sorgten sie für schweißtreibende Temperaturen in diesem Beton-Stahltempel, weshalb wir leider viel zu früh wieder den Weg hinaus an die frische Luft antraten.

Inzwischen wurden die Schirme wieder aufgebaut, denn die Sonne bahnte sich stellenweise wieder ihren Weg durch die grauen Wolken. Wir machten einen letzten Abstecher auf die Shoppingmeile und sahen uns das große Zelt ein wenig genauer an, wo täglich die Modenschauen stattfanden, die wir leider verpasst haben. Allerdings war das auch nicht weiter tragisch, denn viele der vorgestellten Modelle standen hier bei den Händlern zum Verkauf und wir waren sichtlich beeindruckt, wie filigran, kreativ und aufwendig sich die Mode inzwischen entwickelt hat. Mehr als nur einmal blieb ich mit offenem Mund vor diversen Kreationen stehen und konnte nur im Ansatz erahnen wie viel Arbeit in diesen Unikaten stecken mag. 

Bild: Birger Teimer

Doch die hier herrschenden Temperaturen trieben uns erneut hinaus, wo wir vom harrschen Gesang und Getröte    In Extremos empfangen wurden. Man kann über sie sagen was man will, man kann sie mögen oder nicht, aber eines muss man ihnen lassen, sie wissen, wie sie die Masse begeistern können. Und so war das Infield wieder bis weit hinten angefüllt mit springenden und tanzenden Menschen, während auf der Bühne mit viel Feuer viel Wind um zu oft gehörte Sackpfeifen gemacht wurde. Vielleicht habe ich über die Jahre tatsächlich zu viel des Guten erlebt, sodass mich dieses musikalische Konzept mittlerweile einfach nicht mehr erreicht. Aber ich lies die Masse genüsslich feiern und wir genehmigten uns im Pressebereich ein Feierabendgetränk aus dem Kühlmöbel, welches uns Jan - unser Thekenchef - so liebevoll als guten Jahrgang mit dem sonnig herben Abgang aus Südhanggefilden kredenzte.

Danach bedankten wir uns noch einmal brav bei dem Team der Pressebetreuung und machten uns auf den Weg direkt ins Infield, denn zum krönenden Abschluss wollten wir And One ebenso genießen, wie Within Temptation am Abend zuvor. Leider war es nicht mehr im Ansatz so voll wie bei In Extremo, weil wohl viele bereits jetzt die Gunst der Stunde nutzen wollten um staufrei den Heimweg anzutreten, doch davon liessen sich die verbliebenen Gäste nicht beirren, und And One ebenso wenig. Und so wurde noch einmal alles gegeben, auf der Bühne, wie auch davor. Bereits der erste Song Für wurde im Uptempo gespielt und nicht so behende getragen, wie auf CD. Für mich etwas schade, weil ich gerade diesen Song im Original abgöttisch liebe, aber darüber sieht man gerne hinweg, wenn man sieht mit wie viel Freude und Elan Steve wieder über die Bühne fegt. Und so reihten sich die Hits wieder aneinander, altbekannte, wie auch neue wechselten sich ab und steigerten die Stimmung bis zur Extase. Überall auf dem Platz wurde getanzt, egal ob Cyber, EBMler, Steampunker oder Mittelalter-Fan, es gab kaum noch ein Halten. Get You Closer, Unter Meiner Uniform, Techno Man, So klingt Liebe oder auch Military Fashion Show, ein Hit jagte den nächsten, und so verließen wir langsam den Platz, vorbei an glücklichen Gesichtern von Menschen, die sich ausgelassen zur Musik bewegten.

Und auch wenn man Gothic so oft als oberflächliche Szene betitelt, die sich über ihr Aussehen zu definieren scheint, so trügt der Schein glücklicherweise. So unterschiedlich diese optischen Darstellungsweisen auch sein mögen, egal wie exzentrisch sich der oder die Einzelne geben mag, es gibt wohl kaum eine Gruppierung, die trotz ihrer optischen Unterschiedlichkeit so friedlich und einhellig gemeinsam ein ganzes Wochenende verbringen kann und dabei so viel Toleranz für die Individualität des Anderen aufbringt, wie die Gothic-Szene. Danke M’era Luna für dieses wunderbare Wochenende, welches bei uns dieses wohlige Gefühl hinterlassen hat, auch nach Jahren der Abstinenz dennoch so etwas wie „nach Hause kommen“ empfinden zu dürfen.

Bild: Django

Mein Resümee fällt insofern recht positiv aus. Ein gut organisiertes Festival mit einem hilfbereitem und teils sogar sehr fachkundigem Team, welches immer freundlich zur Stelle war; ein grundsolides Line Up, bei dem ich mir persönlich vielleicht ein klein wenig mehr Mut zum Seitenblick weg vom Gothic-Mainstream wünschen würde; ein auch nach Jahren leider immer noch verbesserungswürdiger Sound, auch für die kleineren Bands; ein wunderbar buntes Angebot an Speis und Trank und ebenso an käuflich zu erwerbenden Bekleidungswaren; und last but not least ein dem Festival sehr wohlgesonnenes Wetterchen.

Einzig eine Bitte hätte ich noch: Lasst die Secus am Pressezelt doch bitte im nächsten Jahr sitzen! Teilweise 13 Stunden lange Schichten im Stehen ausharren zu müssen erscheint für mich nicht notwendig, denn niemand würde es ihnen übel nehmen, wenn sie den Job zeitweilig im Sitzen erledigen. Danke und hoffentlich bis zum nächsten Jahr!

Written by Sam

Fotos: Birger Treimer und Volkhard Kulisch