Startseite | Kontakt | Impressum | Datenschutz

Ein Festival von Fans für Fans, wir alle sind gleich, aber einige sind eben gleicher als andere….

Ein Erfahrungsbericht über die geänderten Pressebedingungen zum Festivaljubiläum.

Für viele Fans mag sich dieser Bericht wie ein kritisieren auf hohem Niveau darstellen, aber als Pressevertreter ist man unter anderen Voraussetzungen auf einem Festival, als ein Fan oder normal zahlender Besucher. In der heutigen Zeit ist es extrem wichtig schnell und ausführlich zu berichten, da die Konkurrenz groß ist, und wer zuerst berichtet, wird auch zuerst gelesen, gehört und gesehen. Somit ist es für die Presse extrem wichtig, dass sie gut und effektiv und vor allem schnell arbeiten kann. Sicher hat man auf größeren Festivals andere Bedingungen, als auf kleinen, aber mit der Größe steigen eben auch die Anforderungen. Und wenn ein Festivalveranstalter möchte, dass er eine gute und schnelle Berichterstattung bekommt, dann muss er auch für die entsprechenden Voraussetzungen sorgen. In den vergangenen Jahren gab es beim Wacken Open Air zwar immer diverse Kleinigkeiten über die man sich geärgert hatte, wie nur ein Toilettenwagen für 1000 Pressevertreter und V.I.P. Gäste, aber das waren wie gesagt Peanuts. Schwieriger wurde es dann, als vor zwei Jahren die W.E.T. Stage in die Bullhead City ausgelagert wurde und die Headbanger Stage dazu kam. Die Auslagerung auf das zweite Gelände erforderte wesentlich weitere Wege, die ein wesentlich besseres Zeitmanagement für die einzelnen Presseleute erforderte, da man häufig zwischen beiden Arealen hin und her rennen musste um die Bands zu sehen, über die man berichten sollte oder musste. Aber auch das war noch irgendwie zu bewältigen. Zugute halten muss man den Veranstaltern auch, dass man über die Jahre immer mehr für die persönliche Annehmlichkeit gemacht hatte. Ein vernünftiges Pressezelt mit Auflademöglichkeit für Handy und Laptop, Pressekonferenzen, Listening Sessions von Bands, ein großer Aufenthaltsbereich und einiges mehr. Insofern hatte man über Jahre das Gefühl einer guten Zusammenarbeit und somit auch einer gegenseitigen Wertschätzung der Arbeit auf beiden Seiten. Zugegebenermaßen war es auch in jedem Jahr aufs neue ein wohliges Gefühl über die Backstagebrücke ins Infield zu gehen und diesen Blick zu genießen, der sich einem dargeboten hat. „Endlich zu Hause“. Auch vom Arbeitstechnischen Standpunkt war der Platz der Backstagebrücke perfekt gewählt, da man sofort am Fotograben Eingang der Black Stage war und kurze Wege hatte, um mal fix eine Speicherkarte auszutauschen, einen Akku zu laden, ein defektes Objektiv schnell zum Camp zurückzubringen und Ersatz wieder mitzunehmen, ohne zu viel Zeit zu verlieren. Auch gerade an so heißen Festivaltagen wie in den letzten beiden Jahren, konnte man eben zurück über die Brücke, durch den Pressebereich aufs Camp und die durchgeschwitzten Klamotten tauschen. Und wenn es geschüttet hatte, konnte man schnell seine Kameras in Sicherheit bringen. Ebenfalls war es ein gutes Gefühl, dass der Pressecampground am Pressebereich direkt angelagert war, weil dort  wegen der Nähe zum V.I.P. und Artist Bereich höhere Sicherheitsmaßnahmen galten und man kein flaues Gefühl im Magen hatte, weil man mal seine 5000 Euro Kamera im Zelt hat liegen lassen, anstatt sie ins Auto zu legen.

Leider wurde in diesem Jahr vieles, bis fast alles daran geändert. Der Pressecampground wurde beispielsweise weit nach Außerhalb verlegt. Im Laufe der vier Tage wurden uns dafür von verschiedener Seite auch immer unterschiedliche Begründungen genannt. Von einer Ordnerin hieß es, es wäre ausgelagert worden, weil die Presse und die V.I.P.s sich zu schlecht benommen hätten, von anderer Seite hieß es, das Rote Kreuz solle auf den Bereich um die Verletzten schneller abtransportieren zu können, dann hieß es von einem ehemaligen Mitarbeiter, dass dort die Crew parken sollte um kürzere Wege zu ihren Positionen zu haben, dann hieß es dass die Medienmogule dort ihr Camp haben und am Ende hieß es dann vom Veranstalter, dass die Fläche nicht genutzt werden sollte, weil dort junger Mais gepflanzt werden solle… im August… Sei es drum, wir mussten da weg und wurden ausgelagert.

Auf dem neuen Presse/V.i.P. Campground sollte es dann via Ankündigung einen Supermarkt geben, ein Frühstücks- und Absacker-Zelt und Bildübertragungen der Bühnen. Das war soweit auch alles in einem Zelt vorhanden, wenngleich mir das Wort „Supermarkt“ für den Verkauf von Ravioli und belegten Brötchen etwas überdimensioniert erscheint. Aber darüber würde ich mich nicht beschweren. Hingegen schon über die Sicherheitsvorkehrungen, denn die waren hier minimal, bis nicht vorhanden. Selbst der Ordner am hinteren Ausgang zum Besuchercampground wusste nicht einmal, dass er hier den Pressebereich zu bewachen hatte. Wenn wir ihn nicht bewusst angesprochen hätten, hätte er uns so passieren lassen und hätte nicht einmal nach dem Bändchen oder nach dem Pass geschaut. Das vermittelt kein gutes Gefühl, wenn man Arbeitsmaterial von mehreren tausend Euro im Camp hat. Besonders ärgerlich war es auch, dass man an einen „Supermarkt“ gedacht hatte, aber nicht daran, dass wir auch arbeiten müssen. Auf dem gesamten Gelände gab es nicht nur kein WLAN, auch sämtliche Handynetze waren so überlastet, dass außer um 4 Uhr morgens nicht einmal das telefonieren möglich war, geschweige denn das versenden von E-mails oder sonstigen Kommunikationswegen.

Das Auslagern an sich wäre auch noch nicht das riesen Problem gewesen, wenn man uns hätte den Weg zum Festival laufen lassen. Da die Straße aber zur Rotkreuz-Abfahrstraße auserkoren wurde, durfte die Presse diesen von der Entfernung noch erträglichen Fussweg nicht nehmen. Artists hingegen schon, aber vielleicht ist es nicht so schlimm, wenn ein Musiker vom Rettungswagen umgenatzt wird… Da fängt mein fassungsloses Kopfschütteln dann langsam an. Letztendlich wurde diese Straße die gesamte Zeit über von irgendwelchen Leuten, anscheinend auch ohne jedwede Berechtigungsbänder, belaufen. Nur wir von der Presse wurden aufgehalten und mussten somit zwangsweise den extra für uns eingerichteten (aber gesponsorten) Reisebusshuttle benutzen, der zu den Stoßzeiten eher einem Viehtransport mit Sauna im Schneckentempo glich. Wir verpassten nicht nur einmal den Auftritt diverser Bands, obwohl wir bereits eine Stunde vor Beginn an der Haltestelle standen, der Bus aber nicht kam. Somit hatten wir an der Wartestelle teilweise bis zu 45 Minuten Wartezeit für einen Weg, den man in 10 Minuten zu Fuß hätte abreißen können. Dazu kam dann, dass sich in diesen 45 Minuten dort so viele V.I.P.s und Pressevertreter sammelten, dass der Bus nicht alle mitnehmen konnte, obwohl alles was ging in den Gang gequetscht wurde was möglich war. Für mich waren das unhaltbare Zustände, gerade wenn man bedenkt, dass manche Kollegen teilweise mit drei oder vier Kameras plus Objektiven und Rucksack ausgestattet waren, die dann im Gang hin und her geschubst wurden, während ihnen bei gefühlten 40 Grad im Bus das Wasser aus den Schuhen lief. Zu dem Zeitpunkt habe ich mich das erste Mal gefreut, dass wir keinen Photopass hatten und ich nur schreiben musste.

Aber damit hörte der Ärger nicht auf. Auch im eigentlichen Pressebereich gab es kein tadellos funktionierendes WLAN. Man feierte schon, wenn man mal eine Minute lang eine durchgehende Verbindung hatte. Diese wurde dann aber auch gleich wieder so intensiv genutzt, dass sie sofort wieder zusammenbrach. Ein vernünftiges Arbeiten war somit quasi kaum realisierbar.

Über die Kleinigkeit, dass das Essen im Pressebereich wesentlich teurer war, als im Infield oder auf dem Wackinger Markt, möchte ich mich gar nicht so groß auslassen, weil es für die Arbeit nicht so relevant ist, und man auf die genannten Alternativen ausweichen konnte.

Bild: Dirk Jacobs
Bild: Dirk Jacobs
Bild: Dirk Jacobs
Bild: Dirk Jacobs

Das nächste Ärgernis lies aber nicht lange auf sich warten. Denn vom Pressebereich ging es auch dieses Mal über die Backstagebrücke ins Infield. Nur, dass die Brücke nicht mehr dort war, wo sie sonst war, sondern am oberen Ende des Infields bei den Pinkelrinnen. Das war nebenbei bemerkt auch kein schönes Gefühl, wenn man die „alte“ Aussicht erwartet, und dann den Männern auf die gezückten pinkelnden Penisse gucken muss, gefolgt von dem Geruch der daneben platzierten Dixis.. Aber auch das kann man ignorieren, wenn jetzt nicht der Weg quer über das gesamte Infield durch die Leute zu den Fotogräben an den Bühnen wären. Man muss sich erst entscheiden, was man wo sehen möchte, denn je später die Stunde, desto unmöglicher wird der Weg zu den einzelnen Bühnen. Durch die Vergrößerung des Infields muss man jetzt mit dem gesamten Geraffel, was man umzuhängen hat komplett außen um die 100.000 Menschen drum herum rennen, um von der Black zur Party Stage zu kommen. Von dem Weg von dort zur Bullhead City rede ich erst gar nicht.

Es hätte wesentlich bessere Möglichkeiten gegeben, um der Presse ein effektives Arbeiten zu ermöglichen, die aber entweder nicht gesehen oder ignoriert wurden. Und die diversen Begründungen haben irgendwie alle keinen Sinn gemacht. Das Rote Kreuz Camp war jetzt weiter von den Gästen weg als vorher, der Weg zur Straße für den Abtransport war wesentlich weiter weg als in den Jahren zuvor. Den Weg zum Fotograben an den Hauptbühnen  hätte man den Fotografen mit Pit-Pass mit vier Handgriffen und einem Ordner problemlos ermöglichen können, ohne jeglichen weiteren Mehraufwand. Ich könnte noch diverse Punkte anführen, was man hätte verbessern oder anders machen können, das einfachste wäre aber gewesen, alles beim Alten zu lassen. Etliche meiner Kollegen sind gar nicht erst angereist oder sich wutentbrannt wieder abgereist, wenn sie denn konnten. Alles in Allem hat es sich nach vielen Gesprächen mit den Kollegen schon irgendwie herauskristallisiert, dass man es der kleinen Fachpresse so unangenehm wie nur möglich machen wollte, um sie los zu werden. Zumindest kann man es sich nur schwer erklären, dass Vertreter der hochrangigen Presse nicht mehr auf dem ausgelagerten Pressecampground zugegen sind, sondern die Annehmlichkeiten eines V.I.P.-V.I.P.-Pressecamps zur Verfügung gestellt bekommen. Wir sind alle gleich, aber manche sind eben gleicher als andere….

 

In diesem Sinne: Danke Wacken für viele tolle und gut organisierte respektvolle Jahre, aber mit diesem Jahr und den dazugehörigen Veränderungen, welche die Wertschätzung der jahrelangen Unterstützung durch die Fachpresse sehr deutlich machen, verabschiede ich mich mit zwei weinenden Augen von einem Ort und einem Festival, die mir über Jahre sehr ans Herz gewachsen sind. Doch wenn man das Gefühl bekommt unerwünscht zu sein, dann muss man eben gehen, bevor es richtig weh tut. Ich hätte mich in meinem letzten Wacken-Jahr (was bis zu diesem Wochenende eigentlich noch in weiter Ferne lag) lieber mit dem wunderschönen Blick von der Backstagebrücke ins Infield verabschiedet, als mit dem Blick in eine Pissrinne….

 

Bilder von : Dirk Jacobs https://www.facebook.com/Fotos.Dirk.Jacobs