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Freak Valley Festival in Netphen-Deuz 29. - 31.05.2014

Foto: V.Kulisch
Foto: V.Kulisch
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Rock… Familie…Freunde…Bärte… und Menschen mit Herz! – No Fillers Just Killers

Oder um es mit Volker zu sagen: “Liebe Freunde, viel Spaß!“

Monatelang haben wir uns schon auf dieses absolute Ausnahme-Festival gefreut, welches, wie auch schon in den vergangenen Jahren, wieder mit einem grandiosen Line up glänzt. Das Motto der „Rockfreaks“, wie sich die Veranstalter selbst titulieren heißt: No Fillers just Killers – und genauso ist es auch! Selbst auf der diesjährigen zum ersten Mal vorhandenen kleinen „Wake & Bake“ Bühne, auf der fast ausschließlich Bands aus Darmstadt standen, war nur Hochkarätiges zu hören und sehen.

Das einzige Manko dieses rundum gelungenen Wochenendes nehme ich aber gleich vorweg: Einer ist nicht pünktlich zur Arbeit erschienen, und das hat allen den Festivalauftakt ein wenig verwässert: Petrus! Am Donnerstag hatten Bands, wie auch Veranstalter und Gäste mit den fröstelnden Temperaturen und den immer wiederkehrenden Schauereinlagen zu kämpfen, aber dennoch hatten sich alle vorsorglich gewappnet und so genossen die Besucher die Musik eben unter Regencapes oder unter einem der seitlich aufgestellten großen Pavillon-Zelte. Das ist übrigens auch ein Herausstellungsmerkmal dieses liebevoll organisierten Festivals: Man rechnet mit allen Eventualitäten! Große Zelte, die entweder als Sonnen- oder Regenschutz dienen, Feuertonnen am kalten Donnerstag, Liegestühle, Sessel und Sofas für den sonnigen Samstag, kühles frisches Bier und ebenso frisch gepresste heiße Kaffeespezialitäten und leckeres Essen für Pflanzenliebhaber und Raubtiere. Was aber auch erwähnt werden sollte ist, dass - soweit es eben machbar ist - darauf geachtet wird, dass alles fair gehandelt und produziert wurde. Egal ob die Festival-Shirts, der Kaffee und sogar das hausgebraute Bier, bei diesem Festival wird eben rundherum darauf geachtet, dass man nachhaltig arbeitet. Und das überträgt sich auch auf viele der Gäste. Man achtet aufeinander, hebt den Müll auf und entwickelt ein fast vergessenes Gefühl von Respekt und Verantwortung füreinander. Nicht zuletzt das ist vermutlich auch ein Grund dafür, warum man sich hier ein wenig in die alte Woodstock-Zeit zurück versetzt fühlt. Mir ist es irgendwann dadurch bewusst geworden, weil ich heftigen Muskelkater in den Wangen bekam, weil ich irgendwie drei Tage lang mit einem glückseligen Lächeln durch die Gegend gelaufen bin. Man könnte munkeln, dass es auch an dieser unsichtbaren grünen Wolke lag, die das gesamte Wochenende über dem Festival schwebte, aber das sei jedem selbst überlassen sich darüber ein Urteil zu bilden.

Eines ist aber sicher: Dieses kleine – auf 2000 Gäste limitierte – Festival ist das wohl bestorganisierte Non-Kommerz-Festival mit dem ebenso besten Line up in diesem Sektor, was man in Deutschland finden und erleben kann. Und nicht nur die Gäste aus aller Welt, nicht nur die bereits Monate im Voraus ausverkauften Tickets bestätigen dies, sondern auch die Leute, die extra hierher kommen, weil sie neugierig sind auf das was hier passiert: Vertreter vom Rock Hard, von Nuclear Blast oder gar vom legendären Rockpalast. Und auch die Bands und Musiker sind hier besonders. Viele bleiben alle drei Tage und feiern mit ihren Fans vor der Bühne, helfen mit oder springen spontan bei einer anderen Band ein. Und so entsteht das tatsächlich reale Gefühl einer großen Familie, die gemeinsam dem Spirit der guten handgemachten Rockmusik huldigt, welche ihren Ursprung in den 60er und 70er Jahren hatte und bis heute Jung und Alt vereint.

Wenn man sich nun das Line up anschaut mag der eine oder andere Kommentar kommen, dass man kaum eine der Bands vom Namen her kennt, doch das ist hier auch gar nicht wichtig, denn Jens Heide, der Booker dieses Festivals, hat ein goldenes Händchen Perlen und Diamanten zu entdecken und für dieses Festival zu verpflichten. Er scheut sich auch nicht diese Bands aus allen Ecken der Welt ins kleine beschauliche Netphen zu holen, von dem vorher wohl kaum jemand gehört haben wird. Und darüber hinaus schafft er es ebenso Bands für dieses Festival zu verpflichten, die sonst eher Festivals meiden, wie im vergangenen Jahr die Jungs von Causa Sui. Und eben wegen diesem Talent vertraut man ihm wohl inzwischen blind, denn man kann sich darauf verlassen, dass man in drei Tagen wohl keine einzige schlechte Band auf der Bühne sehen wird. Sicher wird man sich für die eine oder andere Band nicht so begeistern können, weil einem der Musikstil nicht 100%ig zusagt, aber egal wer auf der Bühne steht, jeder versteht hier sein Handwerk und macht brillante Musik auf höchstem Niveau.

Tag 1

Bloody Hammers Foto: V.Kulisch
Bloody Hammers Foto: V.Kulisch
Radio Moscow Foto: V.Kulisch
Radio Moscow Foto: V.Kulisch

Und so stehen am Donnerstag insgesamt sechs Bands auf dem Spielplan. Zur Eröffnung des Festivals starten The Colts aus Deutschland auf der Wake & Bake Bühne und werden danach von The Lone Crows aus den USA auf der Main Stage abgelöst. Die vier blutjungen Blues Rocker aus Minneapolis kombinieren musikalisch fast alles, was die Szene zu bieten hat. Bei ihnen finden Blues, Reggae, Funk, Stoner- und Psychedelic-Rock Elemente, welche mit Heavy & Grunge gewürzt werden. Ein wenig viel auf einmal scheint es, aber es funktioniert, denn vor der Bühne füllt es sich trotz Regen zusehends. Nach einer dreiviertel Stunde geht die Amerika-Rundreise dann weiter mit den The Heavy Eyes nach Memphis Tennessee. Die Psychedelic-Blues-Stoner stehen zum ersten Mal in Europa auf der Bühne und genießen das sichtlich. Zwischenzeitlich hat der Regen dann auch ein wenig Erbarmen, aber bereits bei The Bloody Hammers fängt es wieder an zu tröpfeln. Aber bei den Dark-Doomern aus North Carolina ist das auch nicht so tragisch, sondern eher passend, denn sie haben einen leichten Touch von düsterer Depression in ihrer Musik, die zum Wetter einen guten Soundtrack bietet. Allerdings überzeugt die Stimme des Sängers heute leider nicht ganz, was ein wenig schade ist, da sie hier ihre Album Release Show spielen. Im Übrigen der einzige Wermutstropfen von allen Bands in drei Tagen. Nun geht die Reise wieder über den großen Teich zurück nach Europa, genaugenommen nach Dänemark, denn Papir spielen eine exklusive Show auf dem Freak Valley Festival. Wie auch schon Causa Sui im vergangenen Jahr stehen Papir für sehr experimentelle und improvisierte Instumantalstücke mit sehr psychedelischen, progressiven Variationen, welche die Besucher in hypnotische Sphären entführen.

Abschließend nehmen wir noch einmal fix die Concorde und landen entgegen dem Bandnamen in Iowa, denn von hier sind Radio Moscow angereist. Die Drei vereinen den Stil von Sabbath-Riffs und Hendrix-Solos, machen sich diese Stile zu Eigen und fusionieren diese mit ihren eigenen Ideen zu etwas Neuem, was sie mittlerweile zu ihrem vierten erfolgreichen Album gebracht hat, welches sie hier präsentieren. Die perfekte Band um diesen doch sehr feuchtkalten Tag zufrieden abschließen zu können und sich ebenso auf den folgenden Tag zu freuen.

Tag 2

Motor Mammoth Foto: V.Kulisch
Motor Mammoth Foto: V.Kulisch
Wight Foto: V.Kulisch
Wight Foto: V.Kulisch

Frisch mit Kaffee abgefüllt geht es am frühen Morgen wieder zum Gelände, denn bereits um 11 Uhr stehen schon die ersten Darmstädter Bands auf der Wake & Bake Bühne, und erfreulicherweise wurden die lästigen Regenwolken durch eine leichte Bewölkung ausgetauscht. Als erstes stehen Motor Mammoth auf der Bühne, eine junge Band, die ihre Einflüsse deutlich in den 90ern hat und den guten Stoner-Rock aufleben lassen. Besonders herausstellen möchte ich hier den Sänger Daniel, der extrem variabel zuwege ist und zwischen einem kernigen tief voluminösen Zack Wylde und einem gepresstem kopfstimmig lastigem John Garcia problemlos wechselt und dann auf einmal ganz klar melodiös klingt. Ebenso sieht es am Bass und an der Gitarre aus, nur am Schlagwerk könnte noch ein klein wenig gefeilt werden. Ansonsten steht hier bereits als allererstes wie versprochen kein Filler, sondern ein Killer auf der Bühne. Im Anschluss scheint es hakelig zu werden, denn Wight haben im Vorfeld mit massiven Problemen zu kämpfen. Der Drummer ist krank, und der neue Gitarrist ist erst kurz dabei. Und hier zeigt sich wieder, was diese Szene ausmacht: Spontan erklärt sich Tony, Sänger und Gitarrist von Mos Generator, im Vorfeld bereit die Drums zu übernehmen. Da aber nicht alles so schnell einzuüben ist, entscheiden sie sich einfach zu jammen und das war wohl die beste Entscheidung des Tages. Was diese Band da mal eben spontan gezaubert hat war fast einzigartig. Rein instrumental fanden sich Gitarren, Bass, Schlagzeug und Keys wie eine Einheit zusammen und flossen harmonisch ineinander und wieder auseinander wie die Farben einer Lavalampe. Da war der zweite Tag mal gerade eben angebrochen und begeistert schon auf ganzer Linie mit so einer Leistung. Wir sind aufs Neue mehr als beeindruckt von dem, was hier mit einer fast an Selbstverständlichkeit grenzender Leidenschaft geboten wird.

 

 

 

Viel zu schnell ist dieser Moment vorbei und die Sun Preachers aus Frankreich stehen schon auf der Main Stage. Für uns ist aber nun auch die Zeit der Interviews, und so bekommen wir diese Band leider nicht wirklich mit, denn Désiréé Hanssen hat grade Zeit für ein kleines Gespräch. Eine beeindruckende Frau mit einem großen Herz für die Musik. Nicht zuletzt deswegen hat sie es sich zur Aufgabe gemacht exklusive, auf 300 Stück limitierte, Vinylscheiben von ausgewählten Live Konzerten unter eigenem Label auf den Markt zu bringen. Im vergangenen Jahr war es beispielweise der Freak Valley Auftritt von Pyramidal. Wer also auf ganz exklusive limitierte Live Vinyls steht, sollte sich diese Frau merken!

Aber nun wieder fix vor die Bühne, denn Ivy Garden Of The Desert sind dran und die Italiener sollte man besser erlebt haben. Nur zu dritt stehen sie auf der Bühne, aber der Sound ist satt und voll. Auch wenn sie sich im Stoner-Rock nah bei Bands wie Kyuss oder Colour Haze platzieren, so sticht die charismatische Stimme von Sänger Diego Bizzaro voluminös heraus. Ein schöner Auftritt bei dem sogar endlich die Sonne ein wenig durch die Wolken bricht und Hoffnung auf mehr macht. Die darauf folgenden The Midnight Ghost Train müssen wir dann leider wieder den anderen Gästen überlassen, denn nun folgt Gespräch auf Gespräch im Backstage-Pressezelt. Ich kann es kaum fassen, wie am Band-Check In darauf geachtet wird, dass wir an unsere Interviews kommen. Wir werden sofort informiert, sobald wieder jemand angekommen ist und ebenso wird mit viel Feingefühl darauf geachtet, dass die Bands auch solange ihre Ruhe zum ankommen haben, wie nötig ist. Von diesem Feingefühl kann sich das eine oder andere Festival gern mehrere Scheiben abschneiden. Und so schaffen wir es wunderbare Interviews mit Wo Fat, Mos Generator, Solstafir, Kadavar und den Blues Pills zu ergattern. Eines der ergreifendsten Interviews fand dann aber ganz spontan mitten auf dem Festival Gelände statt. Bill, seines Zeichens Sänger von Bushfire, ist sowas wie die gute Seele dieses Festivals. Seine Band war die erste Band, die überhaupt für dieses Festival vor drei Jahren gebucht wurde, und seitdem sind sie sowas wie die Hausband. Bill kümmert sich um die Kaffeeversorgung der Securities ebenso, wie um die Nachwuchsmusiker in seiner Stadt, die er hier auf die Wake & Bake Bühne geholt hat. Und noch etwas macht ihn besonders, aber dazu später mehr.

Durch die Schlag auf Schlag Interviews gehen uns allerdings leider die Auftritte von Stubb, Mother Of God und Mother Ship auch durch die Lappen, und so sind wir erst bei Blood Ceremony wieder vor der Bühne, welche zwar gut sind, mich aber leider nicht abholen, da ich noch das etwas schräge Interview mit Solstafir aus Island verarbeiten muss. Aber als Wo Fat die Bühne entern bin ich wieder voll dabei. Man könnte sie schon fast als alte Hasen bezeichnen, aber für mich sind sie eine der Bands, die das hoffnungsvolle Potential haben Maßstäbe zu setzen und ebenso zur Legende zu werden, wie es die alten Meister der Anfänge sind. Kerniger Südstaatenrock, gepaart mit Psychedelic und Blues mit einer eigenständigen Charakteristik, welche an die Einzigartigkeit von Led Zeppelin erinnert. Und auch, wenn ich jetzt schon vollkommen zufrieden und glücklich den Tag abschließen könnte, es stehen noch drei Headliner auf dem Plan. 

WoFat Foto: V.Kulisch
WoFat Foto: V.Kulisch
WoFat Foto: V.Kulisch
WoFat Foto: V.Kulisch
Solstafir Foto:V.Kulisch
Solstafir Foto:V.Kulisch
Solstafir Foto:V.Kulisch
Solstafir Foto:V.Kulisch

Eine der wohl kontroversesten Bands dieses Festivals, an denen sich die Geister scheiden sind als nächstes dran: Solstafir. Es wurde viel diskutiert ob sie hierher passen oder nicht. Eine Sache ist aber sicher, entweder man hasst sie oder man liebt sie, viel Raum dazwischen gibt es nicht. Sie sind schwierig und eigenwillig, gesanglich mehr als speziell und musikalisch unüblich. Bei vielen Bands sagt man sie klingen wie Band X oder wie Band Y, oder man sagt sie machen Stoner-Rock oder Space-Rock oder sonst etwas. Bei Solstafir hingegen funktioniert das nicht, auch wenn man es immer wieder versucht. Die einen sagen es ist sowas wie Black Metal, andere sagen es ist Südstaaten-Punk oder man denkst sich was aus. Fakt ist in meinen Augen allerdings, dass sie wohl eine der ganz wenigen Bands sind, die man tatsächlich in keine Schublade stecken kann, weil das was sie machen eben niemand anders macht und kann. Sie verkörpern ihre Heimat in ihrer Musik, sie spielen musikalische Bilder der Landschaft und des Wetters ihrer Insel voller Depression und dennoch voller Leidenschaft. Ob das nun gute Musik ist oder nicht muss jeder für sich selbst entscheiden, aber ich denke wirklich verstehen kann man ihre Musik erst, wenn man dort war, wo sie entsteht: In Island! Ich habe sie nun schon das eine oder andere Mal erlebt und so hat dieser Auftritt hier auch wieder etwas Besonderes, denn Sänger und Mastermind Aðalbjörn Tryggvason redet unerwartet viel mit dem Publikum. Das kannte ich von ihm bisher nicht in diesem Ausmaß und auch hier bestätigt sich wieder einmal mein Gefühl, dass dieser Ort hier etwas Einzigartiges an sich hat.

Jetzt ist allerdings die Zeit der Truckfighters aus Schweden angebrochen. Seit elf Jahren sind die Jungs unterwegs im Namen des bodenständigen heavy Rock kerniger Bauart. Das markante an ihren Shows ist die ungefilterte Energie, die pur und ohne Schnörkel direkt ins Ohr transportiert wird. Das funktioniert bei den Truckfighters allerdings besser in Club-Atmosphäre, wo der Schweiß von der Decke tropft. Auf einem Festival ist einfach zu viel Raum um das so kraftvoll gebündelt zu bekommen, dennoch überzeugen sie auf ganzer Linie.

Inzwischen ist es allerdings so unfassbar kalt und eisig, das selbst die so kuschelig anheimelnde Cocktail-Blockhütte keine spürbare Erwärmung bringt und auch der leckere heiße peruanische Kaffee muss gegen diese fast eisheilige Nacht kapitulieren und so lassen wir die anderen mit den Blues Pills zurück auf die wir uns eigentlich so sehr gefreut hatten. Und es scheint wohl auch ein grober Fehler gewesen zu sein, denn die Kommentare am darauf folgenden Tag ließen keinen Zweifel daran, dass sie wirklich herausragend gewesen sein sollen.

Tag 3

Bushfire Foto:V.Kulisch
Bushfire Foto:V.Kulisch
Bushfire Foto:V.Kulisch
Bushfire Foto:V.Kulisch

Aufgewärmt wachen wir auf und werden von strahlendem Sonnenschein begrüßt. Ein gutes Omen für diesen letzten Tag des Festivals. Also Kaffee in den Kopf, Brötchen durch den Hals und auf zum Gelände, denn auch an diesem Tag geht es bereits um 11 Uhr los. Auf der Wake & Bake Bühne stehen heute Magnetic Mountain und Bushfire – die Festival Hausband – auf dem Spielplan. Den Auftakt machen die Darmstädter Stoner von Magnetic Mountain. Optisch erinnern sie ein wenig an eine Skater-Band, aber musikalisch treffen sie genau meinen Kyuss-Nerv. Stillstehen geht hier nicht und obwohl es schon der dritte Tag ist, füllt der Platz vor der Bühne sich zunehmend. Doch mir schwant, dass dies noch einen anderen Grund hat. Im vergangenen Jahr hatten wir Bushfire verpasst, weil wir am Eingang fest hingen, und so war klar, dass wir sie dieses Jahr unbedingt sehen mussten. Und diesen Gedanken hatten auch wohl viele andere. Dann ist es soweit, Bill nimmt mit Kriegsbemalung im Gesicht den Mikroständer von der Bühne und stellt ihn davor auf den Boden. Und obwohl er vor der Bühne steht, hat es den Anschein, dass der Hüne selbst von dort alle zu überragen scheint. Bushfire legen los…. Von diesem Moment an ist es nicht ganz einfach die Fassung zu wahren, denn was hier passiert kann man kaum beschreiben. Man könnte schreiben, dass Bill einfach eine absolute Frontsau ist, aber das würde diesem Mann nicht gerecht werden. Genauso voller Leidenschaft und Herz, wie er sich vorher schon gezeigt hat, so ist er auch hier, nur hoch Zehn! Jedes einzelne Wort was seinen Mund verlässt packt einen an den Eiern… oder auch Eierstöcken. In jeder Sekunde hat man das Gefühl dieser Mann singt um sein Leben und um das aller anderen. Über jeden Zweifel erhaben glaubt man ihm das was er singt, egal ob man es versteht oder nicht, denn sein Gesicht spricht ebenso Bände. Mehrfach geht er einfach zwischen die Leute und es ist als ob er für jeden Einzelnen hier ganz persönlich da ist. Dann klettert er auf den Hügel an der Seite und verkündet von dort seine Botschaften und alle hängen an seinen Worten, wie die Jünger an ihrem Guru. Es ist fast magisch was hier gerade passiert und als dann der letzte Song „Little Man“ kommt, mit dem er sich – und irgendwie auch im Namen aller anderen – bei allen Helfern und Akteuren im Hintergrund bedankt, geht es einem ziemlich durch und durch. Als der letzte Ton verklingt, der Jubel und Applaus sich langsam legt und alle auf Bill los stürmen, brechen bei mir vollkommen unvorbereitet die Dämme und mir kullern tatsächlich Tränen die Wange runter. Irgendwie kriegt er es mit, kommt rüber, nimmt mich in den Arm und sagt „Now i got you Babe and you know what I mean!“ Ja verdammt, jetzt weiß ich was es heißt, wenn man „mindblowen“ ist.

oresund Space Collective
oresund Space Collective
Foto:V.Kulisch
oresund Space Collective

Dumm nur, dass eine durchaus gute Band wie Bone Man, die jetzt auf der Main Stage stehen, bei mir nun grade mal gar keine Chance mehr haben. Da hilft jetzt nur ausklinken, Bier trinken und sammeln. Auch bei Zodiac will es noch nicht wieder so richtig laufen, erst zur Hälfte ihres Auftritts bin ich wieder aufnahmefähig. Und auch wenn ich sie im Vorfeld nicht so herausragend fand, so belehren sie mich hier doch eines Besseren. Schienen sie mir zunächst recht schlicht, so kommen sie hier doch recht ausgefeilt und vielschichtig daher. Resumierend auf jeden Fall eine Band, die man nicht vorverurteilen sollte, da wesentlich mehr in ihnen steckt als man vielleicht erwartet.

Allerdings kann ich sie nicht bis zum Ende genießen, denn jetzt steht das Interview mit Kadavar auf dem Terminplan. Lupus ist trotz der ewig langen Haare und dem ebenso langen Bart ein so sympatisch unschuldig junger Kerl, welcher irgendwie noch ganz überrascht von dem überragenden Erfolg der Band ist. Ein wunderbares kleines Interview ist hier somit entstanden, was die Jungs noch ein wenig liebenswerter macht, als sie es musikalisch ohnehin schon sind.

Aber jetzt müssen wir schnell zurück vor die Bühne, denn eine der vermutlich – nicht nur optisch – ausgefallendsten Bands steht gerade auf der großen Bühne: Oresund Space Collective aus Dänemark. Hier handelt es sich tatsächlich um so etwas wie ein Kollektiv aus diversen Musikern, denen einzelne Songs relativ egal sind, weil ihr Fokus darin liegt live zu improvisieren und sich ständig selbst neu zu finden und zu interpretieren. Daraus ergibt sich eine spacige Klangwelt verschiedenster Instrumente und Arrangements. Dieses Kollektiv hat aber ein Zentrum, und das ist Doctor Space, ein charmanter älterer Herr mit Alien-Sonnenbrille, einem 1980er Motörhead Tourshirt unter seinem Harry Potter Zauberermantel mit Spitzhut. An den Keys und am Soundboard zaubert er tatsächlich Klangwelten, welche von allen anderen Musikern auf der Bühne brillant ergänzt werden, aber besonders vom indisch anmutenden Gitarristen, der in Turban und Kaftan gehüllt die Saiten klingen lässt wie kein Zweiter. Ein sehr spezieller Auftritt, dessen Klänge noch viel mehr süßlich anmutende Gerüche hervorrufen und die Besucher in der Sonne auf dem Gras und in den Liegestühlen in andere Sphären schweben lassen. Ein wunderbar entspannender Auftritt, der uns alle Energie und Kraft schöpfen lässt, für das was jetzt folgt. 

Mos Generator Foto:V.Kulisch
Mos Generator Foto:V.Kulisch

Mos Generator aus den Staaten stehen in den Startlöchern, und das bedeutet Schluß mit Chillen, den jetzt wird gerockt bis die Knochen knacken. Kraftvoll und kernig, aber dennoch mit viel Melodie und Feingefühl kommen sie um die Ecke. Wobei „um die Ecke“ schon fast ein wenig untertrieben ist, denn sie sind extra für dieses Festival von den Staaten rüber geflogen und machen deswegen auch keine Kompromisse und geben alles was geht. Und vor der Bühne kommt diese Message an, denn hier wird ebenso alles gegeben, was die sonnige Hitze zulässt.

Bei mir ist jetzt Pause angesagt, während The Admiral Sir Cloudesley Shovel aus Groß Britannien, das Samsara Blues Experiment aus Deutschland und Elder aus den USA den Soundtrack zu diversen interessanten Gesprächen auf dem Festival spielen.

Bei Motorpsycho aus Norwegen wird es dann noch einmal richtig voll vor der Bühne, denn auch wenn sie gerade auf Tour sind, so spielen sie doch recht selten auf Festivals. Und hier spielen sie sogar eine zweistündige Show, was aber auch mindestens nötig ist um ihre musikalische Genialität auf die Bühne bringen zu können. Songs von 20 Minuten Länge sind bei ihnen keine Seltenheit und ihre experimentelle Bandbreite die von Progressive über Heavy bis hin zu Jazz reicht, ist schon fast einmalig. Nicht zuletzt deshalb gelten die Norweger, die seit nunmehr 25 Jahren Musikgeschichte schreiben, weltweit als Legenden der Rockszene.

Motorspycho Foto:V.Kulisch
Motorspycho Foto:V.Kulisch
Motorspycho Foto:V.Kulisch
Motorspycho Foto:V.Kulisch
Motorspycho Foto:V.Kulisch
Motorspycho Foto:V.Kulisch
Kadavar Foto:V.Kulisch
Kadavar Foto:V.Kulisch

Auch nach zwei Stunden hat man das Gefühl sie nicht von der Bühne lassen zu dürfen, doch Kadavar warten um das Festival für dieses Jahr furios zu beenden. Man könnte den Beginn dieser Band wie einen Witz erzählen: „Trafen sich drei Langhaarige in einer Bar und gründeten eine Band….“ Aber genau so ist es passiert erzählt mir Lupus im Interview. Was daraus wurde ist fast ebenso wie ein Märchen, denn seit diesem Kneipenbesuch erobern sie die ganze Welt in atemberaubender Geschwindigkeit mit ihrer Musik. Gerade erst sind sie aus Mexico zurück und auch in Australien sorgten die Berliner für Aufsehen. Mit ihrem letzten Album haben sie ihre Linie jetzt anscheinend auch in Perfektion gefunden, denn hier passt einfach alles zusammen. Somit gibt es in diesem Jahr auch keine andere Band, welche dieses Festival besser beenden könnte. Und so wird auf und vor der Bühne mit Leib und Seele zelebriert, was uns alle hier vereint: Purer handgemachter Rock ohne Schnörkel und ohne computerisierte Schönheitskorrekturen. Hier ist alles echt: Bärte, Haare und die Musik!

So geht dieses wohl beste Festival der Welt für dieses Jahr zu Ende. Was uns bleibt sind die Erinnerungen, die Musik, die neuen Freunde und die Freude auf das nächste Jahr mit den Rockfreaks aus Siegen/Netphen und umzu.

Danke an die Rockfreaks, an alle Helfer und Helferinnen, an die tolle Security, an die Thekenleute, an die Griller & Köche/Innen an unseren allerliebsten Kaffeestand, an die Bands, die Roadies und alle, die wir vergessen haben. Ohne Euch hätten wir nicht so eine wunderbare und herzliche Zeit bei und mit Euch gehabt!

In diesem Sinne liebe Freunde: Danke für den vielen Spaß! J